Geboren: 28. Oktober 1697 in Venedig
Verstorben: 19. April 1768 ebenda
Giovanni Antonio Canal, gen. Canaletto in unserer Online-Sammlung

Geboren: 28. Oktober 1697 in Venedig
Verstorben: 19. April 1768 ebenda
Giovanni Antonio Canal, gen. Canaletto in unserer Online-Sammlung
Prachtvolle Palazzi, imposante Kirchen samt Glockentürmen, das Glitzern des Sonnenlichts auf dem Wasser – Venedig besticht seit jeher durch seine einzigartige Atmosphäre. Das Bild der Lagunenstadt mit ihrem Labyrinth aus Kanälen, Brücken, engen Gassen und weiten Plätzen wurde nicht zuletzt durch die Werke des italienischen Malers Canaletto geprägt. Im 18. Jahrhundert verewigte er seine Heimat in zahlreichen Stadtansichten – sogenannten Veduten. Heute steht sein Name für architektonisch genaue, lichterfüllte und stimmungsgeladene Ansichten von Venedig.
Der Blick schweift die Riva degli Schiavoni, den Uferstreifen des Bacino San Marco entlang zum Dogenpalast und dem Campanile. Ganz in der Ferne ist die Dogana an der Mündung des Canal Grande erkennbar.Reizvolle Panoramawirkung und topographische Exaktheit erzielte Canaletto durch Verwendung der Camera Obscura, die einen breiten Ausschnitt auf eine Fläche projeziert. Das so gewonnene Kompositionsgerüst wurde dann detailliert ausgemalt, mit malerischen Szenen aus dem Volksleben belebt und in strahlendes mittägliches Licht getaucht. Gegenstück zur Ansicht der Dogana in Venedig.
Titel:
Die Riva degli Schiavoni in Venedig
Künstler/in:
Antonio Canal, gen. Canaletto (1697 - 1768 Venedig)
Zeit:
um 1724/30
Zeitlos schön:
Canalettos Bilder der Lagunenstadt begeistern auch heute noch.
Doch der Reihe nach: Lange Zeit ist die Republik Venedig Europas wichtigster Handelsplatz zwischen Ost und West und eine starke Seemacht. Im 18. Jahrhundert verliert die Stadt zwar politisch und wirtschaftlich an Einfluss, bleibt aber weiterhin bedeutendes kulturelles Zentrum. Neben der bildenden Kunst ist Venedig vor allem für seine Theater, Opernhäuser und Konzertsäle bekannt. Zahlreiche Festivitäten – allen voran der Karneval – laden ein, das Leben in vollen Zügen zu genießen. In diesem Umfeld wird im Herbst 1697 Giovanni Antonio Canal geboren. Seine Familie gehört zu den cittadini originari – den angestammten Bürger*innen Venedigs. Vater Bernardo Canal ist Bühnenmaler; in seiner Werkstatt beginnt Giovanni Antonio seine Künstlerlaufbahn. Zur Unterscheidung vom Vater wird er Canaletto – der kleine Canal – genannt. Durch die gemeinsame Arbeit taucht er in die Welt des Theaters ein und macht sich mit der perspektivischen Konstruktion von Kulissen und illusionistischen Raumbildern vertraut.
Für einen Auftrag begleitet Canaletto seinen Vater 1719 nach Rom. Tief beeindruckt von den antiken Monumenten und den barocken Neubauten beginnt der junge Künstler, Rom in Zeichnungen und auf Gemälden festzuhalten. Vermutlich trifft er hier auch auf Gaspar van Wittel, einen holländischen Vedutenmaler, der in Italien als Vanvitelli bekannt ist. Van Wittel war es, der die Stadt als Bildsujet – eine niederländische Erfindung des 17. Jahrhunderts – in Italien populär gemacht hatte.
Titel:
Petersplatz in Rom
Künstler/in:
Gaspar Adriaensz van Wittel, gen. Vanvitelli (um 1652 Ammersfoort bei Utrecht - 1736 Rom)
Zeit:
um 1703-1710
Wie gelingt es Canaletto, in kurzer Zeit zum führenden Vedutenmaler Venedigs zu werden? Zeitgenoss*innen bewundern vor allem die Leuchtkraft der Farben und die fein abgestufte Lichtführung seiner Gemälde – es scheint ihnen, als würde das Sonnenlicht selbst aus den Bildern strahlen. Um Perspektive und Lichtwirkung derart genau wiederzugeben, nutzt der Maler optische Hilfsmittel wie die Camera obscura. Diese Lochkamera besteht aus einem abgedunkelten Kasten samt Loch und Linse, an dessen Rückwand das einfallende Licht ein umgedrehtes und seitenverkehrtes Abbild der Szenerie vor der Camera entstehen lässt. Im 18. Jahrhundert gibt es dieses Gerät in unterschiedlichsten Formen und Größen – von begehbaren Räumen über zeltartige Apparaturen bis hin zu kleinen handlichen Kästen. Ein mit dem Schriftzug „A. Canal“ versehenes Exemplar hat sich im Museo Correr erhalten. Zudem fertigt Canaletto auch freihändige Zeichnungen an. Dieses Bildmaterial dient ihm als visuelles Archiv, das er nutzt, um in der Werkstatt seine Stadtansichten zu komponieren. Bei aller topografischen und architektonischen Präzision lässt er dabei stets seine Erfindungsgabe spielen: Wie ein Setdesigner verschiebt er Gebäude, passt Proportionen an und kombiniert mehrere Blickwinkel zu einem klaren und harmonischen Ganzen. Am Ende haucht er den Szenerien durch Staffage-Figuren Leben ein. Anders als bei seinen Vorgängern stammen die Figuren aber nicht aus Musterbüchern, sondern aus eigener Anschauung: Canaletto schildert das alltägliche Treiben in Venedig. Auf diese Weise – so Antonio Conti, ein Gelehrter aus Padua – entstehe „ein so lebendiger Eindruck, dass ich beim ersten Blick auf sein Gemälde überzeugt bin, die Szene selbst vor mir zu haben“.
„[E]in so lebendiger Eindruck, dass ich beim ersten Blick auf sein Gemälde überzeugt bin, die Szene selbst vor mir zu haben“.

Canaletto führt zunächst den Himmel aus. Dick aufgetragene Farbe wird zu luftig-weichen Wolken.
In einem zweiten Schritt fügt er Wasser und Gebäude ein. Angedeutete Wellen, Spiegelungen und Schatten versetzen die Wasseroberfläche in Bewegung.
Die differenzierte Schilderung der Materialien – etwa der Wind und Wetter ausgesetzten steinernen Dogana, der Zollstation Venedigs – erhöht die Plastizität der Bildelemente.
Durch die nass-in-nass aufgetragene Farbe wirken die Stoffbahnen der Segel besonders echt. Oft zieht Canaletto mit dem Pinselstil Linien in die nasse Farbe, um Schatten anzudeuten und den Gegenständen zusätzliche Textur zu verleihen.
In einem letzten Schritt fügt Canaletto die Figuren ein. Ihre lebendige Wirkung verdanken sie u. a. der geschickten Lichtregie. Einige am Ende hinzugefügte Farbschichten sind im Laufe der Zeit durchscheinend geworden und geben den Blick auf darunter liegende Elemente frei.
In den 1730er Jahren sind Canalettos Werke so begehrt, dass er sich vor Aufträgen kaum noch erwehren kann. Aufgrund der hohen Nachfrage beschäftigt er deshalb wohl ein bis zwei Werkstattgehilfen, die Leinwände grundieren, Farben anreiben und Ähnliches. Ab 1735 unterstützt ihn auch sein Neffe Bernardo Bellotto, der bei Canaletto seine Ausbildung erhält und schon bald selbst als Vedutenmaler von sich reden machen wird.
Veduten finden damals vor allem bei Reisenden aus dem Ausland großen Anklang, die Venedig im Rahmen der sogenannten Grand Tour besuchen. Diese ausgedehnte Bildungsreise gilt im 18. Jahrhundert als unverzichtbarer Bestandteil der Erziehung junger Adeliger. Eine solche Reise kann mehrere Monate oder gar einige Jahre dauern, wichtigstes Ziel ist Italien. Die dort erworbenen Stadtansichten sind nicht nur beliebte Souvenirs, sondern sollen zugleich auch Bildung und Status ihrer Besitzer*innen bezeugen.
Canalettos Darstellungen sind besonders bei britischen Adeligen beliebt. Einen wesentlichen Anteil daran hat der englische Kaufmann, Kunstagent und Diplomat Joseph Smith. Dieser erwirbt nicht nur selbst zahlreiche Werke Canalettos – insgesamt 54 Gemälde und über 140 Zeichnungen –, sondern vermittelt dessen Arbeiten auch weiter. Und das in hoher Anzahl: So kauft etwa der Earl of Carlisle 17 Gemälde Canalettos, der Duke of Marlborough 20 und der Duke of Bedford ganze 24 Stück. Kaum verwunderlich also, dass der weltweit größte Bestand an Gemälden des Venezianers heute nicht in Italien, sondern in Großbritannien zu finden ist, beispielsweise in der Sammlung der Königsfamilie oder in der National Gallery.
Viele von Canalettos Werken sind heute in England zu sehen.
Ab in den Norden:
Canalettos Zeit in England
Der Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740–1748) führt zu einem spürbaren Rückgang ausländischer Besucher*innen in Venedig, der Verkauf von Veduten wird zunehmend schwieriger. Canaletto entschließt sich daher, selbst nach England zu ziehen. Ausgestattet mit Empfehlungsschreiben von Joseph Smith, lässt er sich 1746 in London nieder. Mit ihren rund 675.000 Einwohner*innen ist die Stadt an der Themse damals eine der größten Metropolen Europas. Klassizistische Neubauten prägen die Skyline; Aufklärung, Handel und der florierende Finanzsektor lassen London zum modernen Zentrum des British Empire werden.
Der Vedutenmaler Canaletto ist zur rechten Zeit am rechten Ort – seine idealisierten Stadtansichten stoßen auf großes Interesse. Gekonnt überträgt er sein malerisches Vokabular auf die neuen Bedingungen. Schon bald gewinnt er wichtige Förderer für sich, wie den Duke of Richmond oder Lord Brooke, den späteren Earl of Warwick, für den er den Umbau seines Landsitzes Warwick Castle dokumentiert.
Fern der Heimat zieht es den Venezianer Canaletto immer wieder ans Wasser: Die Errichtung der Westminster Bridge scheint es ihm besonders angetan zu haben. In zahlreichen Varianten hält er die neue Konstruktion – eine Meisterleistung zeitgenössischer Ingenieurskunst – in Zeichnungen und Gemälden fest.
Neben städtischen Feierlichkeiten, Brücken und Adelssitzen malt Canaletto auch neu entstehende öffentliche Vergnügungsorte, wie die sogenannte Rotunde, eine Veranstaltungshalle in den Ranelagh Gardens, wo sich Menschen aller gesellschaftlichen Schichten tummeln. Anders als viele britische Kolleg*innen zeigt Canaletto London jedoch stets geordnet, heiter und harmonisch – vom Elend der verarmten Arbeiter*innen oder dem Schmutz der wachsenden Großstadt fehlt in seinen rund fünfzig englischen Ansichten jede Spur.
Home, Sweet Home?
Rückkehr nach Venedig
Vermutlich sind es sinkende Einnahmen, die Canaletto 1755 – nach fast einem Jahrzehnt – wieder in seine Heimatstadt Venedig zurückkehren lassen. Die Stadt bleibt das bestimmende Thema seiner Kunst. Neben Gemälden fertigt er nun auch vermehrt Zeichnungen als Vorlagen für Kupferstiche an. 1763 wird ihm eine späte Ehre zuteil: Mit 66 Jahren wird er in die Venezianische Akademie aufgenommen und zum Vorsteher der Malergilde ernannt. Seine letzte überlieferte Zeichnung zeigt das Innere von San Marco. Stolz hält Canaletto darauf fest, alle Details ohne Brille gezeichnet zu haben – ein Verweis auf seine ausgeprägte Beobachtungsgabe, die seine Werke so besonders macht? Trotz seiner erfolgreichen Karriere ist der Besitz des Junggesellen Canaletto überschaubar: Eine kleine Summe Geld, einige Schmuckstücke, Möbel und ein bescheidenes, nicht abbezahltes Grundstück im Stadtteil Zattere bleiben ihm für seinen Lebensabend. 1768 stirbt Canaletto schließlich mit 71 Jahren in der Lagunenstadt, deren Ruhm er – gemeinsam mit seinem eigenen – mit seinen Bildern sicherte.