Das Objekt befand sich vor den Eingriffen in einem sehr schlechten Zustand. Aus zahlreichen Brüchen und den darauf folgenden Reparaturmaßnahmen in der Vergangenheit ergaben sich eine Gefährdung des Bestandes der Statuette sowie ein ästhetisch nicht ansprechendes Erscheinungsbild für die Museumsbesucher.
Die Figur ist aus einem hellen Alabaster gearbeitet, der eine leichte rötliche Tönung und einige wenige dunkle Adern aufweist. Auf Grund seiner Eigenschaften ist Alabaster ein sehr sensibles Material. Es handelt sich um eine feinkristalline Varietät von Gipsgestein, die seit der Antike wegen ihres feinen Glanzes und der transluzenten Erscheinung geschätzt und für Bildwerke verwendet wird. Im Gegensatz zum optisch ähnlichen Marmor ist Alabaster sehr weich und kann sogar mit dem Fingernagel eingeritzt werden. Eine weitere Eigenschaft des Steines, die sich auf die Konservierung von Alabasterobjekten auswirkt, ist die Empfindlichkeit gegenüber Wasser. Wie Gips ist Alabaster wasserlöslich, wodurch Reinigungsmaßnahmen oder die Aufbewahrung bei hoher Luftfeuchtigkeit zu Schäden führen können.
Aus diesen Materialeigenschaften ergeben sich die für Alabaster üblichen Schadensbilder wie Kratzer oder eine ausgewaschene Oberfläche, die auch an der Figur des Ganymed zu sehen sind. Weitere Schäden an dem Objekt können auf mechanische Belastungen zurückgeführt werden, z.B. Anstoßen, Umfallen oder sogar Stürzen der Figur. Als Reaktion darauf kam es in der Vergangenheit zu mehreren Reparaturphasen, die nach dem heutigen Verständnis ebenfalls zu Schäden geführt haben.






Bevor konservatorische oder restauratorische Maßnahmen an einem Objekt durchgeführt werden können, ist eine umfassende Untersuchung und Dokumentation des Bestandes und Zustandes notwendig. Einige der vorhandenen Schadensbilder sind hier an Hand einer Kartierung dargestellt und werden in den folgenden Bildern und Texten genauer erklärt.
Die Oberfläche der Figur ist gezeichnet von Verunreinigungen, Kratzern und degradierten Bereichen, in denen es durch den Kontakt mit Feuchtigkeit zu einer Lösung von Alabasterkristallen aus dem Steingefüge kam.
Risse an der Figur – auf der Schadenskartierung orange hervorgehoben – können teilweise auf natürliche Trennflächen im Stein zurückgeführt werden. Andere Ursachen für Rissbildung können Spannungen sein, die aus früheren Reparaturen hervorgegangen sind. Verfärbungen entlang der Risse sind wahrscheinlich bei früheren Festigungsversuchen entstanden.
Man geht von mindestens vier zurückliegenden Restaurierungsphasen aus. Auf Grund von Einträgen in den Restaurierungsbüchern und alten Photographien kann angenommen werden, dass alle Eingriffe, bei denen verklebt und gekittet wurde, mit hoher Wahrscheinlichkeit vor 1900 stattgefunden haben.
Insgesamt 19 Bruchstücke werden im aktuellen Zustand durch Klebungen und Armierungen zusammengehalten. Bei Untersuchungen mittels Gaschromatographie-Massenspektroskopie (GC/MS, ein analytisches Verfahren zur Bestimmung von organischen Verbindungen) konnte Kolophonium (ein aus der Destillation von Baumharz gewonnenes Material) identifiziert werden, das in manchen Bereichen für die Verklebung der Bruchstücke verwendet wurde. Die entstandenen Fehlstellen und Bruchkanten wurden anschließend mit verschiedenen Kittmassen gefüllt.
Die zahlreichen Brüche und Fehlstellen lassen sich auf mindestens drei große Schadensfälle zurückführen. Das Ausmaß dieser Schadensbilder ist in der Schadenskartierung ablesbar.
Mehrere Schadensbilder lassen sich auf die alten Klebungen und Kittungen zurückführen. Einige Bereiche der Alabasterfigur wurden nicht passgenau verklebt, woraus sich eine optische Störung des Erscheinungsbildes ergibt. In anderen Bereichen wiederum wurden die Bruchkanten nach der Klebung augenscheinlich überschliffen, was Materialverlust und die Veränderung der Originaloberfläche verursacht.
An der Figur sind auch sieben sogenannte Vierungen zu sehen. Dabei handelt es sich um Fehlstellen, die mit Naturstein ergänzt wurden. Bei einigen der eingesetzten Alabasterstücke kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie zum herstellungszeitlichen Bestand der Figur gehören und verwendet wurden, um natürliche Fehler im Stein auszubessern. Besonders die runden beziehungsweise ovalen Vierungen, aber auch das Auge des Adlers, wo kein nachvollziehbarer Schaden vorausgegangen ist, könnten bereits bei der Herstellung der Figur eingesetzt worden sein. Andere Natursteinergänzungen sind wiederum mit hoher Wahrscheinlichkeit auf frühe Reparaturen der Figur zurückzuführen. Ein Beispiel für solch einen Eingriff befindet sich im Bereich des Schnabels. Sowohl der obere als auch der untere Schnabelteil fehlen. Während der untere Teil mit Kittmasse ergänzt wurde, wurde für den oberen Teil ein Stück Alabaster verwendet und in Form geschnitzt.
Zusätzlich zu den Klebungen waren einige der gebrochenen Bereiche mittels Armierungen stabilisiert. Um die in den Stein eingebohrten Armierungen sichtbar zu machen, wurde eine Röntgenuntersuchung durchgeführt. Mit Unterstützung der Erkenntnisse aus den optischen Untersuchungen ließen sich drei verschiedene Armierungsmaterialien unterscheiden, die in Form einer Kartierung dargestellt werden können.
Die meisten Armierungen sind aus Eisen. Neben den klassischen Armierungen, die komplett im Stein verschwinden, wurde im dünneren Bereich, wo der Vogelschweif in den Felsen übergeht, mit einer offen liegenden Klammer und Drähten gearbeitet. Zwei Armierungen sind aus Holz. Auf den Röntgenbildern lassen sich diese Holzstifte gut von den metallenen unterscheiden, da sich das Holz auf den Aufnahmen kaum abzeichnet. Ein drittes Armierungsmaterial befindet sich im Bereich der Bodenplatte beziehungsweise von Ganymeds Füßen. Die hier verwendeten Messingstäbe unterscheiden sich im Röntgen von den korrodierten Eisenstäben durch klare, gerade Kanten. Es ist wahrscheinlich, dass es sich dabei um die jüngsten Armierungen am Objekt handelt, die unabhängig von den anderen eingesetzt wurden und dementsprechend auf einen anderen Schadensfall zurückzuführen sind.
Das Einsetzen der Armierungen war ein massiver Eingriff, der in jedem Fall mit Materialverlust einherging, da Originalsubstanz angebohrt werden musste. Aus den Armierungen, die an der Figur des Ganymed angebracht wurden, lassen sich zudem mehrere Schadensbilder wie Risse, Brüche oder Fehlstellen ableiten. Besonders die aus Eisen gefertigten Armierungen haben wegen materialbedingter Korrosionsprozesse ein großes Schadenspotential. Optisch können diese Veränderungen durch Verfärbung im Stein erkannt werden. Da die Korrosion des Eisens mit einer Volumenszunahme einhergeht, besteht die Gefahr von Spannungen im weichen Alabastergefüge, und in weiterer Folge kann es sogar zu neuen Rissen oder Brüchen kommen.
Die gesamte Oberfläche war mit Rückständen eines gelblichen Überzuges bedeckt, der ebenfalls aus einer zurückliegenden Bearbeitungsphase des Objektes stammt. Daraus ergaben sich ein fleckiges und verfälschtes Erscheinungsbild sowie die Gefahr, dass durch die Präsenz unbekannter Materialien chemisch-physikalische Prozesse im Alabaster ausgelöst werden könnten.
Eine Untersuchung der Rückstände mittels Gaschromatographie-Massenspektroskopie (GC/MS) hat gezeigt, dass für den Überzug wahrscheinlich ein Gemisch aus Bienenwachs und einem trocknenden Öl mit Spuren von Harz (Kolophonium) verwendet wurde.
Weitere Erkenntnisse zum Bestand und Zustand der Figur konnten durch eine Betrachtung im UV-Licht gewonnen werden. Die Rückstände des organischen Überzugs sowie die verschiedenen Kittmassen lumineszieren in verschiedenen Farbtönen. In den Bereichen, wo sich Eisenstäbe befinden, erscheint der sonst hell leuchtende Alabaster schwarz. Dieses Phänomen lässt sich durch das Eindringen von Eisenmolekülen in das poröse Steingefüge erklären.
Auf den Erkenntnissen der optischen und analytischen Untersuchungen basierend, wurde ein Konzept für die notwendigen konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Die Arbeiten an der Figur haben zirka ein halbes Jahr in Anspruch genommen.
Als eine der ersten Konservierungsmaßnahmen wurden die Überzugsrückstände weitgehend abgenommen. Der durch ein angepasstes Lösemittelgemisch und den Einsatz von Kompressensystemen erzielte Reinigungserfolg wird im Vorher-Nachher-Vergleich im UV-Licht besonders deutlich.
Auf Grund der von den Korrosionsprozessen des Eisens ausgehenden Gefährdung für das Objekt mussten Klebungen geöffnet und Armierungen gelöst werden. Die Eisenstäbe wurden vorsichtig mit kleinen Sägeblattstücken durchtrennt.
Die alten Kittmassen, Klebstoffe sowie Eisenarmierungen wurden so weit wie möglich vom Objekt abgenommen. Jedem Eingriff an einer Bruchstelle beziehungsweise Armierung ging eine Abwägung des bestehenden Schadenspotentials und der mit der Maßnahme einhergehenden Gefährdung voraus. Daher sind auch mehrere Klebungen und Armierungen am Objekt belassen worden.
Die Bruchstücke wurden anschließend mit einem synthetischen Klebstoff, der den modernen konservierungswissenschaftlichen Anforderungen entspricht, erneut miteinander verklebt.
Um ein geschlossenes Erscheinungsbild für die Betrachter zu generieren, wurde entschieden, einige der Fehlstellen zu ergänzen. Da sich durch den Alabaster mehrere Anforderungen an das Material und die Methode des Ergänzens ergaben, musste die am besten geeignete Rezeptur in einer Testreihe ermittelt werden. Zu diesen Anforderungen gehört eine ähnliche Farbe und Transparenz wie Alabaster sowie die Reversibilität der Maßnahme und eine gute Alterungsbeständigkeit der eingesetzten Materialien.
Für jede Fehlstelle wurde eine Negativform aus Silikon gefertigt, um aus der in der Testreihe entwickelten Gießmasse die benötigten Ergänzungen herstellen zu können.
Die separat gegossenen Ergänzungen wurden nach der Aushärtung an die jeweilige Fehlstelle angepasst und anschließend eingeklebt und retuschiert.
Auf der Kartierung können alle im Zuge der Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten angefertigten Klebungen und Ergänzungen abgelesen werden.
Vergleich des Zustandes vor (links) und nach (rechts) der Konservierung und Restaurierung:
Nach den Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen befindet sich die Statuette in einem gesicherten Zustand. Durch die Entfernung von alten Reparaturmaterialien konnte die bestehende Gefährdung des Alabasters reduziert werden. Die Abnahme von Kittmassen und Armierungen sowie die Neuverklebung von Bruchstücken haben zu einer Beruhigung der Oberfläche geführt. Das Schließen von Fehlstellen mittels neuer Ergänzungen ergab ein ästhetisch ansprechendes Erscheinungsbild, das dem herstellungszeitlichen Zustand der Figur ähnlich sein soll und den Museumsbesuchern ermöglicht, das Objekt wieder sehen und erfassen zu können.



































