Forscherinnen und Forscher aus Turin, Paris, Kopenhagen, München und Wien beteiligten sich von 2010 bis 2013 an den Untersuchungen zur Geschichte der Handschrift, zur kunsthistorischen Stellung und der Wirkungsgeschichte ihrer außergewöhnlichen Ausstattung, zum heutigen Einband sowie zu Fragen betreffend den Erhaltungszustand, das Material, die verwendeten Farbstoffe, Pigmente und Metalle sowie die Maltechnik. Besondere Aufmerksamkeit galt z.B. der Frage, ob für die Färbung des Pergaments echter tyrischer Purpur zur Anwendung kam oder nicht. Mit Hilfe der Röntgenfluoreszenzanalyse sowie der optischen Reflexionsspektrophotometrie konnte festgestellt werden, dass es sich um einen aus einer maritimen Flechtenart gewonnenen Farbstoff handeln muss, dass also ein Ersatzfarbstoff für den besonders kostbaren Schneckenpurpur verwendet wurde. Weitere bemerkenswerte Aufschlüsse zur Technik und Arbeitsweise der Miniaturmaler brachten Röntgen- und UV-Fluoreszenzaufnahmen sowie die Infrarotreflektographie.
Auf der Basis dieser Forschungen konnte erstmals eine Monographie zu einer der berühmtesten und bedeutendsten Handschriften des Mittelalters erarbeitet werden, die 2013 als wissenschaftlicher Begleitband zum Faksimile und 2014 – inhaltlich unverändert - als Museumsausgabe erschien.
Das Wiener Krönungsevangeliar ist eine der schönsten Handschriften des Mittelalters und ein Hauptwerk der Hofkunst zur Zeit Karls des Großen. Es besteht aus 236 purpurgefärbten Pergamentblättern, die mit Gold und Silber beschrieben sind. Jedem der vier Evangelien ist ein gemaltes Evangelistenporträt vorangestellt, das, mit rascher und sicherer Hand ausgeführt, die Illusion eines gerahmten Tafelbildes erweckt. Die purpurgetränkte Seite erscheint dabei als dunkle Wand, während die Bordüre um die Autorenbildnisse als Bildrahmen fungiert, der den Ausblick in lichterfüllte Freiräume einfasst. Der Typus der Darstellung einer schreibenden, in weiße, klassische Gewandung gehüllten Figur entspricht antiken Autorenbildnissen, und auch stilistisch sind diese außerordentlich illusionistisch wirkenden Malereien der Spätantike verpflichtet. Man nimmt daher an, dass ein Fremder - wohl ein Grieche - dieses herausragende Werk der so genannten Karolingischen Renaissance um 800 am Aachener Hof geschaffen hat. Da der zukünftige Kaiser seinen Eid auf dieses Buch ablegte, wobei er mit den Schwurfingern den Anfang des Johannesevangeliums berührte, wird die Handschrift Krönungsevangeliar genannt. Um 1500 erhielt das Krönungsevangeliar einen kostbaren neuen Einband aus vergoldetem Silber. Darauf erscheint, in Hochrelief getrieben, die Figur des segnenden Gottvaters, umschlossen von der reich profilierten Baldachinarchitektur seines Thronsitzes im Stil der Spätgotik. Angetan mit Kaiserornat und Mitrenkrone erscheint er so als Ur- und Idealbild aller Herrscher, während seine Gesichtszüge jenen Karls des Großen entsprechen, in dessen Nachfolge sich alle Kaiser des Heiligen Römischen Reiches sahen.
Titel:
Das Krönungsevangeliar
Künstler/in:
Hans von Reutlingen , (Hof Karls des Großen)
Zeit:
knapp vor 800, um 1500
Publikationen
- Das Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches. Wien, Kunsthistorisches Museum, Weltliche Schatzkammer, Inv.-Nr. XIII 18, Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe, hrsg. von Franz Kirchweger, Gütersloh/München 2013, http://www.faksimile.de
- Das Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches, hrsg. von Sabine Haag und Franz Kirchweger, Wien 2014, Erhältlich im Museumsshop;
- Franz Kirchweger, Karl der Große, die Antike und die Buchkunst, in: Sabine Haag (Hrsg.), Väter Europas. Augustus und Karl der Große, Ausstellungskatalog Kunsthistorisches Museum Wien, Wien 2014, S. 25–37
- Fabrizio Crivello, Das Wiener Krönungsevangeliar und die Gruppe verwandter Handschriften, in: Peter van den Brink, Sarvenaz Ayooghi (Hgg.), Karl der Große. Karls Kunst, Ausstellungskatalog Centre Charlemagne Aachen, Dresden 2014, S. 155–169.
- M. Aceto, A. Agostino, G. Fenoglio, A. Idone, F. Crivello, M. Griesser, F. Kirchweger, K. Uhlir, P. Roger Puyo, „Analytical investigations on the Coronation Gospels manuscript“, Spectrochimica Acta Part A: Molecular and Biomolecular Spectroscopy 171 (2017) 213–221 (online verfügbar seit 02.08.2016)
Projektleitung
Dr. Franz Kirchweger
Projektmitarbeit
Dr. Martina Griesser,
OR Mag. Elke Oberthaler,
Dr. Katharina Uhlir,
Michael Eder
Kooperationspartner
Prof. Dr. Florentine Mütherich (München),
Prof. Dr. Hermann Fillitz (Wien),
Dr. Matthias Exner (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, München),
Prof. Dr. Fabrizio Crivello (Università degli Studi di Torino, Turin),
Dr. Maurizio Aceto (Dipartimento di Scienze e Innovazione Tecnologica, Università degli Studi del Piemonte Orientale, Turin),
Angelo Agostino und Gaia Fenoglio (beide Dipartimento di Chimica, Università degli Studi di Torino, Turin),
Patricia Roger Puyo (Institut de Recherche sur les Archéomatériaux (IRAMAT), CNRS, Orléans),
Andreas Karydas (International Atomic Energy Agency (IAEA), Seibersdorf Laboratories),
Inge Boesken-Kanold (Lacoste),
Mag. Christa Hofmann (Institut für Restaurierung, Österreichische Nationalbibliothek),
Jiří Vnouček (Abteilung für Konservierung, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)
Finanzierung
Faksimile Verlag / wissenmedia in der inmediaONE] GmbH, Gütersloh/München;
Kunsthistorisches Museum Wien
Projektlaufzeit
abgeschlossen


