Heilige Familie

um 1480/1490, Künstler: Martin Schongauer

 

 

Heilige Familie

Martin Schongauer hat als Kupferstecher Bahnbrechendes geleistet; seine technisch wie künstlerisch gleichermaßen vollendeten Druckgraphiken erregten schon zu seinen Lebzeiten europaweit Aufsehen. Gleichrangig steht daneben das malerische Werk des oberrheinischen Künstlers, obgleich es auf eine Handvoll zumeist kleinformatiger Werke beschränkt bleibt. Zu diesen zählt die Wiener Heilige Familie, die den christlichen Stoff im Gewand des Alltäglichen schildert: Vor einer Wand mit Nische und Torbogen hat Maria Platz genommen und ist dabei, eine Weinperle von einer Traube, die sie mit ihrer Linken hält, zu pflücken. Offenbar ist die Frucht für ihren Sohn bestimmt, den sie in mütterliche Fürsorge umfasst. Während die wachen Augen des Knaben und seine Lebhaftigkeit von kindlicher Vorfreude künden, verrät Marias gedankenvoller Blick bereits das Wissen um sein vorbestimmtes Schicksal am Kreuz. So findet sich Christi Opfertod in den Weintrauben, von denen weitere in einem Korb zu ihren Füßen liegen, versinnbildlicht. Auch das Beutelbuch, das geschlossen in Marias Schoß liegt, will in diesem Kontext wohl auf die heilsgeschichtliche Bedeutung der vordergründig harmlosen Szenerie verweisen, desgleichen die Inszenierung des nachdenklich blickenden Josephs, der aus dem Dunkel des Torbogens tritt. Nicht nur klingt seine Rolle als Nährvater Jesu an, wie besonders die Weizengarben deutlich machen, die er mit sich führt; da sie direkt neben dem Kopf des Christusknaben erscheinen, spielen sie zugleich wohl auf die eucharistische Vorstellung vom Brot als dem Leib des Herrn an. Das Wiener Täfelchen, das als privates Andachtsbild gedient haben wird, weist nach Ausweis gemäldetechnologischer Untersuchungen eine komplexe, nur schwer nachzuvollziehende Entstehungsgeschichte auf. Trotz seines kleinen Formats wurde die Bildkonzeption mehrfach geändert und könnte sich anfangs auf die Darstellung der Muttergottes mit dem Kind vor einem Vorhang beschränkt haben, bevor sie durch Joseph zu einer Heiligen Familie erweitert wurde. Wie die übrigen mit Schongauers Namen verbundenen Malwerke ist das Bild weder signiert noch monogrammiert, doch schließt der enge künstlerische Zusammenhang mit dessen durchweg monogrammierten Kupferstichen jeden Zweifel an der Autorschaft des Künstlers aus. Die raffinierte und dennoch schlichte Komposition, die beschränkte Palette aus juwelenhaft leuchtenden Farben und der sich auf kleinstem Raum entfaltende erzählerische Reichtum belegen die außerordentliche Bedeutung Martin Schongauers, der in seinen Werken entscheidende Neuerungen der altniederländischen Malerei aufgegriffen und weiterentwickelt hat. Das Wiener Täfelchen, das als privates Andachtsbild gedient haben wird, weist nach Ausweis gemäldetechnologischer Untersuchungen eine komplexe, nur schwer nachzuvollziehende Entstehungsgeschichte auf. Trotz seines kleinen Formats wurde die Bildkonzeption mehrfach geändert und könnte sich anfangs auf die Darstellung der Muttergottes mit dem Kind vor einem Vorhang beschränkt haben, bevor sie durch Joseph zu einer Heiligen Familie erweitert wurde. Wie die übrigen mit Schongauers Namen verbundenen Malwerke ist das Bild weder signiert noch monogrammiert, doch schließt der enge künstlerische Zusammenhang mit dessen durchweg monogrammierten Kupferstichen jeden Zweifel an der Autorschaft des Künstlers aus. Die raffinierte und dennoch schlichte Komposition, die beschränkte Palette aus juwelenhaft leuchtenden Farben und der sich auf kleinstem Raum entfaltende erzählerische Reichtum belegen die außerordentliche Bedeutung Martin Schongauers, der in seinen Werken entscheidende Neuerungen der altniederländischen Malerei aufgegriffen und weiterentwickelt hat. Guido Messling [27.6.2017]

Derzeit ausgestellt: Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie Kabinett 21

Objektdaten

Objektbezeichnung

Gemälde

Kultur

Deutsch, Oberrheinisch

Datierung

um 1480/1490

Künstler

Martin Schongauer (um 1440/45 Colmar - 1491 Breisach) - GND

Material/Technik

Rotbuchenholz

Maße

Bildmaß: 26,3 cm × 17,2 cm

Rahmenmaße: 34,5 cm × 25,5 cm × 3,8 cm

Bildrecht

Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Inv. Nr.

Gemäldegalerie, 843

Provenienz

Slg. Joseph Daniel Böhm, Wien; 1865 erworben

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