Grüne Kasel

1. Hälfte 18. Jahrhundert; Stoff: um 1710/1720

 

 

Grüne Kasel

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gelang es Frankreich, in der europäischen Seidenweberei die führende Rolle zu übernehmen. Bis dahin waren die italienischen Weber den französischen in technischer Hinsicht weit überlegen, und auch die Muster der italienischen Seiden waren im 17. Jahrhundert richtungweisend. Fortan sollten vor allem die Seiden aus Lyon denjenigen aus Italien Konkurrenz machen. Gefördert wurde diese Entwicklung zudem durch die gezielte Ausbildung von Musterzeichnern, so z. B. durch die 1756 in Lyon gegründete Schule für Entwerfer. Zu den ersten Mustergruppen, die bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt wurden und von Frankreich ausgehend den europäischen Markt eroberten, zählen die von den Zeitgenossen als "Furienwerk", seit dem 20. Jahrhundert unter dem Begriff "bizarre Seiden" zusammengefassten Gewebe. Ihre ungewöhnliche Art der Musterung mit oftmals dynamischen, phantastischen Formen, sprunghaften Richtungswechseln und bisweilen dennoch erkennbaren Gegenständen weist ostasiatische Einflüsse auf. Als Inspirationsquelle dienten sicher exotische Importe wie Porzellan, Lackarbeiten und Textilien. Die Grüne Kasel aus dem Paramentenbestand der Geistlichen Schatzkammer wurde zwar in Wien hergestellt, doch handelt es sich bei dem verwendeten Stoff um einen französischen Import. Der grüne Seidendamast ist mit Glattgold und Glattsilber, Frisé-Gold, Frisé-Silber und farbiger Seide broschiert. Als Frisé bezeichnet man einen um eine gewellte Seidenseele gesponnenen Metallfaden. Der unruhige, glitzernde Effekt dieser Fadenart wirkt im Gewebe besonders effektvoll. Die bizarre Seide zeigt ein Muster aus in Gold und Silber schimmernden Rocaillen. Der Damastgrund legt sich wie ein Schatten in matten Partien um die Konturen der einzelnen Motive und scheint sie dadurch zu ergänzen beziehungsweise zu vergrößern. Dieses die Broschierung begleitende Damastmuster lässt die Motive außerordentlich plastisch erscheinen. Die Zwischenräume der Rocaillen werden von feinen grünen Blumenzweigen mit rosasilbrigen Blüten und Knospen gefüllt. In seiner Gestaltung gehört das vorliegende Gewebe bereits einem fortschrittlichen Entwicklungsstadium der bizarren Seiden an, dem gegen 1710 einsetzenden Seminaturalismus. Aus: Hauptwerke der Geistlichen Schatzkammer. Kurzführer durch das Kunsthistorische Museum, Band 7, hrsg. von Wilfried Seipel, Wien 2007 (Katja Schmitz-von Ledebur).

Derzeit ausgestellt: Kaiserliche Schatzkammer Wien Raum I

Objektdaten

Objektbezeichnung

Parament

Kultur

Herstellung: Wien

Datierung

1. Hälfte 18. Jahrhundert; Stoff: um 1710/1720

Material/Technik

Lampas liseré, lanciert und broschiert, Seide, Goldfäden, Silberfäden; Goldborten

Maße

H. 109 cm, B. 75 cm

Bildrecht

Kunsthistorisches Museum Wien, Geistliche Schatzkammer

Inv. Nr.

Schatzkammer, GS A 448 b

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