Fragment einer Kreuzigungsgruppe

um 1685/87, Künstler: Matthias Steinl

 

 

Fragment einer Kreuzigungsgruppe

Auf einem hohen, in Voluten ausschwingenden Sockel sind drei Figuren einer Kreuzigungsgruppe postiert; das noch im Inventareintrag von 1758 beschriebene zugehörige Kreuz mit der Christusfigur sowie eine vielleicht vorhandene vierte Assistenzfigur sind verschollen. Die Mater dolorosa blickt Hände ringend zu ihrem Sohn empor, Johannes verweist mit sprechender Gestik auf das Geschehen. Am Kreuzesfuß kniet Maria Magdalena in verzweifelter Trauer, sie trocknet ihre Tränen mit einem Gewandzipfel. Eine Applik mit dem Schweißtuch der Veronika an der Vorderseite des Sockels sowie der später hinzugefügte Adamsschädel erinnern an die Passion Christi. Die Signatur Steinls an der Basisplatte der Magdalena verweist darauf, dass es sich bei der Gruppe nicht um ein unvollendetes, sondern um ein später fragmentiertes Werk handelt. Die Statuetten der Kreuzigungsszene sind Monumentalfiguren im Kleinen, die durch den überlegten Einsatz von Stand- und Spielbein in einen transitorischen Schmerzensgestus eingebunden zu sein scheinen; die tiefen Faltenschluchten der Gewänder und die daraus resultierenden Licht- und Schatteneffekte unterstreichen die Dramatik der Szene. Diese mit großer Sensibilität und technischer Meisterschaft geschnittenen Kompositionen aus Walrosszahn schließen an Steinls frühe Werke für die Altäre der Klosterkirche in Leubus (um 1680) an. Im Verhältnis von Körper zu Gewand drückt sich eine Spannung aus, die in ihrer starken Affinität zur römischen Antike für die Wiener Barockplastik ein Novum darstellt. Steinl hat das von wahrer innerer Monumentalität getragene Andachtsbild wahrscheinlich noch in Breslau geschaffen, bevor er 1688 als kaiserlicher Kammerbeinstecher an den Wiener Hof Kaiser Leopolds I. gerufen wurde. Diese Stellung darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Steinl einer der besonders vielseitig begabten Künstler des österreichischen Barock war, der zudem als Architekt, Ingenieur und Monumentalbildhauer in Holz und Stein sowie als Entwerfer jeder Art von Dekoration tätig war. Mit den beiden für eine Aufstellung in der kaiserlichen Schatzkammer entworfenen Saalmonumenten aus Elfenbein, die Kaiser Leopold I. und seinen Sohn Josef I. zu Pferd zeigen, avancierte Steinl zu einem der bedeutendsten Bildhauer in diesem Medium.

Derzeit ausgestellt: Kaiserliche Schatzkammer Wien Raum IV

Objektdaten

Objektbezeichnung

Statuette; Elfenbeinschnitzerei

Kultur

Breslau (?)

Datierung

um 1685/87

Künstler

Matthias Steinl (1643/44 Mattsee/Salzburg ? - 1727 Wien) - GND

Material/Technik

Walrosszahn, Hartholz, schwarz gebeizt

Maße

H. 45 cm

Sockel: H. 23 cm

Signatur

Steinle

Bildrecht

Kunsthistorisches Museum Wien, Geistliche Schatzkammer

Inv. Nr.

Schatzkammer, GS E 45

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