Kreuzigung Christi

um 1500/01, Künstler: Lucas Cranach d. Ä.

 

 

Kreuzigung Christi

Die kleinformatige, wohl der Privatandacht dienende Tafel stammt aus der ersten bekannten Schaffenszeit Cranachs, die der Künstler, bevor er 1504/5 an den Wittenberger Hof Kurfürst Friedrichs des Weisen von Sachsen wechselte, in Wien verbrachte. Dort bewegte er sich, wie einige namentlich fassbare Auftraggeber belegen, im Kreis der Humanisten um Konrad Celtis, und im dortigen Schottenstift befand sich das Gemälde auch, als es ihm Anfang des 20. Jahrhunderts zugeschrieben werden konnte. Neuartig ist bei der Schottenkreuzigung nicht so sehr die kompositionelle Anlage als „volkreicher“ Kalvarienberg mit Christus im Zentrum und schräggestellten Schächerkreuzen, wenngleich der Maler sowohl mit den genagelten (und nicht gebundenen) Verbrechern als auch dem Rückgriff auf einen archaischen Christustypus ikonographisch ungewöhnliche, vielleicht auf den unbekannten Auftraggeber zurückgehende Lösungen wählt. Neuartig ist vielmehr die expressive, pathosgeladene Sprache des Bildes, die schlagend in den kühn verkürzten, sackartigen Leibern der Schächer zum Ausdruck kommt – für sie fand Cranach in zwei großen, annähernd zeitgleichen Kreuzigungs-Holzschnitten sogar noch exzentrischere Lösungen. Dieselbe erregte Stimmung bestimmt aber auch die Schar zu Füßen der Kreuze und die Natur selbst, wie die tänzelnden Zweige und die aufziehenden Wolken zeigen. In dieser emotional aufgeladenen, Mensch und Natur verschmelzenden Bildsprache bestehen die engsten Beziehungen zu den nur wenige Jahre später einsetzenden Tafelbildern und Zeichnungen Altdorfers; auf formaler Ebene etwa fallen Gemeinsamkeiten beim Einsatz der Weißhöhungen als graphisches Element auf. So markant sich Cranachs ungeschlachte Gestalten damit von den überlangen Kunstfigurinen aus seiner späteren Zeit unterscheiden, so sehr treten in dem Desinteresse an anatomischer Korrektheit und der trotz aller raumschaffenden Elemente doch flächigen Anlage bereits Prinzipien zutage, die sein weiteres Schaffen bestimmen sollten. Von den wenigen aus Cranachs Wiener Jahren erhaltenen Werken scheint die Schottenkreuzigung sogar das älteste überhaupt zu sein. Dies legt ein Vergleich mit dem ebenfalls in Wien aufbewahrten Hl. Hieronymus von 1502 (GG 6739) und der signierten Hl. Familie von 1504 (Berlin) nahe, die bereits eine beruhigtere Formensprache und eine größere malerische Finesse aufweisen. Auch aus diesem Grund kam dem Gemälde bei der vieldiskutierten Frage, wo die Anfänge von Cranachs Laufbahn zu suchen seien, stets eine besondere Rolle zu. Trotz aller originellen und scheinbar unvorbereiteten Elemente lassen sich etwa Bezüge zu den um 1500 geschaffenen, epochalen Holzschnitten Dürers und zu Motiven der älteren fränkischen Tafelmalerei feststellen, wie im Falle der hoch über die Menschen ragenden Kreuze und des (freilich nicht allein dort vorkommenden) schnüffelnden Hundes. Sie machen wahrscheinlich, dass der ohnehin aus Franken gebürtige Cranach zuvor eine Weile in Nürnberg, dem wichtigsten Kunstzentrum seiner Heimatregion, tätig gewesen ist. Die teils als slawisch identifizierten Trachten der Schergen könnten darüber hinaus auf einen Aufenthalt in Krakau, der Residenzstadt der polnischen Könige, hindeuten, die zahlreiche weitere Künstler anzog. [Guido Messling, nach: Ausst.-Kat. Fantastische Welten, Frankfurt/Wien 2014/2015, München 2014, Kat.-Nr. 33]

Derzeit nicht ausgestellt.

Objektdaten

Objektbezeichnung

Gemälde

Kultur

Deutsch

Datierung

um 1500/01

Künstler

Lucas Cranach d. Ä. (1472 Kronach - 1553 Weimar) - GND

Material/Technik

Lindenholz

Maße

58,5 x 45 cm

Rahmenmaße: 67,5 x 54 x 9,5 cm

Bildrecht

Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Inv. Nr.

Gemäldegalerie, 6905

Provenienz

seit 1800 Schottenstift, Wien; 1934 erworben

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