Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

Über den Tod hinaus

Peter Paul Rubens, "Große Beweinung", um 1614/15, KHM, Inv.-Nr. GG 529

Aus der erkalteten Schläfe meines Sohnes ziehe ich einen letzten Dorn. Das kräftige Rot geronnenen Blutes mischt sich mit dem blasser werdenden Hautton meines verstorbenen Kindes. Seine schönen Augen werde ich noch schließen, die blauen Todesflecken vermehren sich, ein wenig Blut ist aus seiner Nase geflossen.

 Er ist am Kreuz gestorben.


Ein sauberes, weißes Tuch haben wir schützend um seinen Körper gelegt, das Grab liegt leer vor uns.

Meine Tränen rinnen auf seine Schulter.

Johannes, der Lieblingsjünger meines Sohnes, hält sanft den rechten Arm des Toten, er agiert ruhig und gefasst, seine Hände und Wangen sind gut durchblutet, ich dagegen habe die Blässe meines Sohnes angenommen.

Wir hätten uns in diesem traurigsten Moment meines irdischen Lebens in das Dunkel der Grabkammer zurückziehen können – doch ich möchte, dass ihr uns genau betrachten und die beharrlich ertragene Leidensgeschichte in all ihren Facetten nachspüren könnt.

Johann Sebastian Bach, Johannes-Passion, 1724

Johannes bewegt das Wundmal des Gefolterten scheinbar etwas in eure Richtung - damit ihr es nicht überseht. Nichts soll den Blick verstellen. Ich habe den Verdacht, das geschieht nicht ganz zufällig... Künstlerkönnen.

 

Aber nun erinnert euch an das siebte der sieben letzten Worte meines Sohnes.

„Es ist vollbracht.“



geschrieben von Cäcilia Bischoff am 31.7.2017 in #Ich bin Maria
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