Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

Mein Tod

Tod der Gottesmutter Maria, sog. "Koimesis", Konstantinopel, 2. Hälfte 10. Jahrhundert, Steatit, teilweise vergoldet,
H. 13 cm, B. 11,2 cm, T. 1,5 cm, KHM, Kunstkammer, Inv.- Nr. KK 8797

 Bin ich die Himmelskönigin?

 

So weit sind wir in der Kirchengeschichte der mir zugewiesenen Legenden, Dogmata, Gebete und Traditionen noch nicht. Jedoch der 15. August, der Feiertag meiner Himmelfahrt, wurde in byzantinischer Zeit festgelegt.

 

Hier und jetzt bin ich nicht die Königin, sondern der Thron des Königs. Ich bin nicht das Ufer, sondern die Brücke, die zum Ufer führt. Ich kenne meinen Platz. In Konstantinopel wurde er mir einst zugewiesen.

Man hat damals den Moment meines friedlichen Todes in zartgrünem Speckstein verewigt. Das steinerne Material bietet eine reine Oberfläche, wie passend. Klein und zierlich, zerbrechlich – aber auch transportabel und zeitlos. Angesichts dieses sorgfältig gearbeiteten Kunst-Werkes beteten meine Besitzer umso intensiver.

 

1000 Jahre ist mein Abbild alt.

 

Der Kopf des gewickelten Säuglings, der meine Seele birgt, fehlt mittlerweile und auch einer der beiden Engel ist abhandengekommen. Aber das nimmt mir meine Würde nicht.

 

 

Ich bin entschlafen.

 

Die in alle Winde verstreuten Apostel haben sich an meinem Sterbebett, das unter einem Baldachin steht, versammelt.

Nun hat Jesus meine Seele übernommen und wird sie im nächsten Moment an die herbeieilenden Engel übergeben. Paulus umfasst behutsam meine Beine, Andreas sorgt für Weihrauch, Johannes hat sich zu mir hinuntergebeugt. Wie unterschiedlich die Menschen trauern – ihr könnt es an ihren Gesichtern und Gesten ablesen.

Ich möchte nun etwas vorgreifen und verlasse Raum und Zeit meiner Entstehung.

Königskerze, Frauenmantel, Schafgarbe, Wegwarte, Johanniskraut, Beifuß, Engelwurz, Haselzweig und Mädesüß.

Habt ihr zu meinem Festtag einen Kräuterbuschen gebunden?

Er wird im Herrgottswinkel aufgewahrt. Woraus besteht er?

Die hoch aufragende Königskerze repräsentiert die Würde des Menschen, Schafgarbe und Frauenmantel stehen für den Wunsch nach Heilung, der Haselzweig symbolisiert die schützende, harte Schale, den Wunsch nach Unversehrtheit, Beifuß wird euch inspirieren, Mädesüss und Johanniskraut die pure Lebensfreude bringen, Engelwurz und Wegwarte werden euch innerlich stärken.

All diese Sehnsüchte und Wünsche, Kraft, Ideen und Lebensfreude erwarten euch im Himmel.

Bis es soweit ist: verbrennt das eine oder andere Kraut bei spezieller Notlage im Herdfeuer – dieses heidnische Erbe unterstütze ich gerne.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 11.9.2017 in #Ich bin Maria
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