Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

Im gleichen Boot

Michel Erhart ODER Jörg Syrlin d. Ä., Allegorie der Vergänglichkeit, Ulm, um 1470/1480,
KHM, Kunstkammer, Inv.-Nr. KK 1

Eine junge Frau, ein junger Mann und eine gealterte, bereits dem Tode geweihte zweite Frau lassen sich von allen Seiten betrachten. In Haltung und Gesichtszügen der alten Frau scheinen auch Züge des jungen Mannes anzuklingen. Der ausgezehrte Zustand des alten Körpers, die aufgemalten Fliegen und modrig-grünen Haare erschrecken und faszinieren zugleich.

"Aphrodite d'Este"
Römisch, 1. Jh. v. Chr. (?)
KHM, Antikensammlung, Inv.-Nr. I 1192

Ohne einander sehen zu können, stehen sie nackt, gleichberechtigt und Rücken an Rücken auf einer gemeinsamen Basis.

 

Seit der Antike hatte es ein ambivalentes Nebeneinander von Würdigung und Diffamierung des Alters gegeben. Um 1500 wurden Jugend, Schönheit und Tugend zunehmend als Einheit betrachtet, während sich der alte, unaufhaltsam schwächer werdende Mensch Spott und Bedeutungsverlust ausgesetzt sah.

Besonders in Nord- und Mitteleuropa wurde aber auch während der Renaissance mit oft drastischen Mitteln auf die Vergänglichkeit von Jugend und Schönheit hingewiesen. Das aus einem Stück Lindenholz gefertigte Stück war im 19. Jahrhundert von einem Gehäuse umgeben, das durch eine schmale Öffnung jeweils nur den Blick auf eine der Figuren freigab.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 18.9.2018 in #Menschenbilder Europas
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