Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

Furor

Furienmeister
Schreiende Furie
Salzburg (?)
um 1610/20
KHM, Kunstkammer, Inv.-Nr. KK 3727

Mit energischem Ausfallschritt, langbeinig und ausgemergelt steht die Gestalt vor dem Betrachter.

Alles ist in Aufruhr: federleicht wirkende Glieder, wirbelndes Eigenleben von Lendentuch, Draperie und Haaren, aufgebrachte Mimik, angetrieben von unbeherrschbar scheinender Energie.

Die römischen Furien oder, wie sie in der älteren griechischen Mythologie genannt wurden, Erinnyen waren Rachegottheiten, die sich an die Fersen der Übeltäter hefteten, sie galten als das personifizierte schlechte Gewissen.

Später verkörperten sie ihrerseits Wut, Bosheit und Neid, die Furie wurde zur eigentlichen Quelle des Übels. In der Kunst vermischte sich ihr vermeintliches Aussehen mit Darstellungen von Vergänglichkeit und körperlichem Verfall. 

In Literatur und Theater des 18. Jahrhunderts machte der Gegensatz zwischen „Furor“ und „Gesetz“
die Runde. Der Furor trat im Paarlauf mit seinem Komplementär, der Anmut, gegen Vernunft und Ordnung an - wechselhaft, leidenschaftlich und unvorhersehbar.

William Adolphe Bouguereau
Orestes wird von Furien gehetzt
1862
Chrysler Collection, Norfolk

Bemerkenswerterweise sind -  außerhalb des Werkes des Furienmeisters - in der westlichen Skulptur keine weiteren Beispiele einer "Furie" bekannt, sehr wohl findet man sie in Malerei und Grafik. Oft rücken sie in die Nähe von Darstellungen des Zorns.

Ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert zeigt aber, dass Hässlichkeit und fortgeschrittenes Alter nicht zwingend zu ihren vermeintlichen Eigenschaften gehörten.

 

Der namentlich bis heute unbekannte Urheber der grandios ausgeführten, für ein elitäres Publikum gedachten Arbeit lebte und arbeitete wohl im Salzburger Raum.

Mittlerweile werden dem „Furienmeister“ 25 Werke, allesamt aus Elfenbein, zugeschrieben.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 17.10.2018 in #Menschenbilder Europas
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