Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

Eine Italienierin aus Palermo

Antonis van Dyck, Maria mit Kind und den Hll. Rosalia, Petrus und Paulus, 1629, KHM, Inv.-Nr. GG 482

Meine Bühne ist monumental und man erahnt die Dimensionen eines außerhalb des Rahmens erdachten Gebäudes.

Hohe Säulenpostamente, geschnittene Steinstufen, weder Stoffbahn auf dem Boden noch Schmuck an den Wänden, keine Maserung, keine Steinfugen – abstrakte Form, mit Flächen, Linien und Schatten modelliert.
 Indoor oder outdoor,  Altarnische oder Tempelfront, Antike oder Neuzeit?


Es bleibt derweil ungeklärt, damit lebe ich gerne und gut, das unterstreicht meine universelle Bedeutung. Den mir sonst zugedachten blauen Umhang habe ich an Petrus weitergegeben – er kommt mir heute älter vor als sonst, der Mantel schützt ihn und er verstärkt das Blassblau meines Himmels.

Petrus hält die Schlüssel in der Hand, die an das päpstliche Wort binden. Wir befinden uns inmitten der Gegenreformation, da ist jedes die katholische Sache stärkende Mittel recht.

Ich bin heute in weiß erschienen, unschuldig wie ich bin.
An meiner zweiten Seite steht Paulus, in dunklen, schweren Stoff gekleidet, in den entspannten Händen das gewaltige Schwert. Es dienst als Hinweis auf seine Enthauptung, aber auch auf die Stärke seines Glaubens. Ich selbst bin, hier im Himmelsschloss, das Zentrum des heiligen Gesprächs.


Vor uns kniet Rosalia, eine Italienerin aus Palermo. Mein Kind hat sich nach vorne gebeugt, hält einen Rosenkranz in beiden Händen, scheint ganz in das Balancieren des blumigen Geschenkes versunken.

Sie half ihrer Heimatstadt während einer Pestepidemie – so hat sie sich den Platz in unsere Mitte verdient.

Unser kostbar gekleideter Gast wartet sehnsüchtig, ehrfürchtig blickt sie in mein Gesicht, schon nimmt Rosalia den Duft der Rosen wahr.

Der Totenkopf, ihr Erkennungszeichen, ist dramatisch inszeniert, doch erregt er unsere Aufmerksamkeit nicht.

Die Lilie als mein Attribut der Jungfräulichkeit und Paulus‘ Bücher reflektieren gleichsam unser Treffen – aber dienen vor allem Euch, den geschätzten Betrachtern, als kleine Nachhilfe in Sachen heiliges Personal.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 17.7.2017 in #Ich bin Maria
to top