Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

Auf der Bühne

Peter Paul Rubens, Ildefonso-Altar: Die Hl. Familie unter dem Apfelbaum (Außenseiten der Flügel), um 1630/1632, KHM, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. GG 698

Ich könnte hier und heute nicht besser aufgehoben sein: mein Schöpfer, ein Philosoph und gebildeter Weltmann, hat eine grandiose Bühne für unseren Auftritt geschaffen.

Apropos Bühne: meine materielle Grundlage ließ sich einst in der Mitte aufklappen, ihr könnt die Narbe noch erkennen. Hinter uns war ich einst in einer gänzlich anderen Rolle zu sehen – doch dazu in ein paar Wochen mehr - denn dieses zweite Bild existiert noch heute.

Wir sitzen unter dem Paradiesbaum.

Dichte Blätter, Zweige und Äste bilden einen natürlichen Baldachin, unter dem auch Zacharias, Elisabeth und Johannes noch Platz finden. Die beiden Hasen ganz unten rechts im Bild – sie sehen ein wenig wie flauschige Kaninchen aus – finden hier frisches Grün und kühles Wasser. Ihre Rolle in unserem Stück: sie symbolisieren unser aller Fruchtbarkeit.

Das rote Tuch, gewickelt um den Stamm des reife Früchte tragenden Baumes, hat genau meine Farbe!

Ich selbst trage dichte Stoffe, dreifach, vierfach übereinander gelegt. Ihr könnt meinen Körper nur erahnen. Sein Volumen, seine Haltung, die Glieder und Gelenke.

Meine rechte Brust ist entblößt.

Mein Blick aus dunklen Augen richtet sich auf den kleinen Johannes, der uns selbstbewusst und scheinbar voller Vergnügen die betenden Hände entgegenstreckt. Elisabeth, seine Mutter und meine Schwester, begleitet ihn sanft nach vorne. Beachtet unser beider ausgestreckte Finger: sie verleihen unseren Kindern trotz aller kindlicher Bewegungsenergie mütterliche Stabilität.

Hinter uns steht Joseph, er sieht jung aus heute. Eigentlich fast wie mein erwachsener Sohn – ich scheine zu phantasieren, entschuldigt bitte.

Zurück zu den nackten Tatsachen:

Mein Sohn schlägt mein nahrhaftes Angebot aus – Johannes und seine Familie sind nun attraktiver. Jesus hat sich von mir entfernt, gedanklich und in seinen Sehnsüchten. Jedoch ich halte ihn noch ein wenig fest. Meinen linken Arm schob ich unter seinen weichen Körper, mein rechter Arm stabilisiert ihn von hinten, er selbst hat seinen prallen Leib zurückgelehnt und umfasst meinen Nacken, gerne spüre ich seine kleinen Fingerkuppen auf meiner Haut. Mit der anderen Hand stützt sich mein Sohn an einem kleinen Zweig ab, Zacharias achtet darauf, dass der zarte Ast nicht vom Stamm abbricht, so bleibt das Gleichgewicht erhalten. Und die Äpfel sprechen über die Erlösung von der Sünde. 

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 4.10.2017 in #Ich bin Maria
to top