Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

1988: Wider die Raumhärte

Kaffeehaus im Kunsthistorischen Museum © 1988, Gert M. Mayr-Keber ZT GmbH

 „Historische Halle – modernes Café“ titelte die Kärntner Kulturzeitschrift „Die Brücke“ Ende 1988. Das neue Café in der Kuppelhalle des KHM war am 15.11.88 eröffnet worden und sei nun bereits „zu einem Tipp unter den stimmungsvollen Treffpunkten“ geworden.

Die Entscheidung zum Einbau eines neuen Kaffeehauses – bis dahin gab es ein „Buffet“ im Tiefparterre – stand in enger Beziehung zur notwendig gewordenen Generalsanierung des Museums. Man entschied, die Gastronomie in den ersten Stock zu verlegen, genauer: in die Kuppelhalle. Sie ist Höhepunkt der innenarchitektonischen Inszenierung und zugleich jenes Raumgelenk, das die Besucher nach beiden Seiten in die Raumfluchten der Gemäldegalerie führt. Der prachtvolle Raum ist also (auch) ein Verkehrsweg.

Lilienporzellan für das neue Kaffeehaus im Kunsthistorischen Museum © 1988, Gert M. Mayr-Keber ZT GmbH

Beim Einbau des Kaffeehauses wurde nicht die gesamte Grundfläche bespielt, sondern man ließ die dem Stiegenhaus zugewandte Seite der Kuppelhalle frei. Das kontrastreiche historische Bodenmuster wurde zur Entwurfsgrundlage für das Stoff- und Porzellanmuster der neuen Möbel und des im Kaffeehausbetrieb verwendeten Porzellans.

Entworfen wurden Mobiliar, Beleuchtung und technische Einbauten von Gert M. Mayr-Keber. Der Architekt, 1950 als Sohn der Kärntner Malerin Ilse Mayr in Klagenfurt geboren, hatte an der TU Wien Architektur studiert, war später Mitarbeiter Hans Holleins (1934-2014) an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und unterhält bis heute ein Atelier in Wien. http://www.mayr-keber.at/de

Die Deckenbeleuchtung sollte möglichst unsichtbar sein, dennoch aber auch im abgeschalteten Zustand „höhendifferenzierend und raumbildendend“ wirken. Diesen zunächst widersprüchlichen Anforderungen versuchte man mit Niedervolt-Halogenlampen, die an einer filigranen Stab-Hängekonstruktion montiert wurden, gerecht zu werden.

Akustisch, visuell, haptisch und thermisch spürt man in der sakral anmutenden und von verschwenderischer Materialfülle geprägten Kuppelhalle eine gewisse „Raumhärte“ – dieser sollten die gepolsterten Möbel („Kleinfauteuils“) entgegenwirken. Im Raum verteilt wurden schließlich 120 „Polsterfauteuils“ an 40 Kaffeehaustischen.  

Grundriss des neuen Kaffeehauses im Kunsthistorischen Museum © 1988, Gert M. Mayr-Keber ZT GmbH

Das „Berühren“ des Vorhandenen wurde „auf ein Minimum“ reduziert - selbst die für die „Vitrinenbar“ notwendige Wasserversorgung wurde über ein frei geführtes, sichtbares Edelstahlrohr erledigt.

Über ein Jahrzehnt lang blieb die Ausstattung im Wesentlichen bestehen.  

2010 wurde eine gänzlich neue Einrichtung installiert, 2016 wurde ein weiterer Relaunch durchgeführt.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 18.9.2018 in #Momente, Objekte, Geschichten
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