Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

1919: Leere Rahmen

Leere Bilderrahmen, darin kleine Infozettel. Gemäldegalerie, Februar 1919

Am 11.11.1918 wurde die österreichisch-ungarische Monarchie mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands formal aufgelöst, die „Republik Deutschösterreich“ einen Tag später ausgerufen. Der Erste Weltkrieg war beendet. Bereits am 19.11. wurden die ehemaligen Hofmuseen, unter ihnen das heutige Kunsthistorische Museum, unter den Schutz des neu entstehenden Staatswesens gestellt.

Doch parallel dazu machten auch die Siegermächte des Weltkrieges Besitzansprüche geltend.

Beschlagnahmte Gemälde in Hof II des Kunsthistorischen Museums vor ihrem Abtransport.
© Wien Bibliothek

Drei Monate später erschien eine Delegation des Königreichs Italien im Museum, in den Händen eine Liste mit 66 Bildern, die (man war mit Militärbegleitung erschienen) der Siegermacht zu übergeben seien. Bis auf eine Ausnahme kehrten die Kunstwerke nicht zurück. Und so kam es zunächst zu den leeren Bilderrahmen, die man einige Zeit an den Wänden beließ. Die gerade erst entstehende Verwaltungsstruktur der Ersten Republik hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Möglichkeit, wirksam zu protestieren. Dies gelang erst einige Wochen später, inzwischen waren weitere Kunstwerke in den Fokus geraten.

In der Akademie der Wissenschaften wurden Protestveranstaltungen organisiert, Presse- und Lobbyarbeit betrieben und die zusätzlich von der italienischen Militärkommission ausgesuchten Objekte wurden mit großen roten Zetteln als „gefährdet“ gekennzeichnet. Ab diesem Zeitpunkt sollte es tatsächlich zu keinen weiteren Beschlagnahmen durch die Siegermächte kommen.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 18.9.2018 in #Momente, Objekte, Geschichten
to top