Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

1883: Umzug

Die Theseusgruppe (1805-1819) von Antonio Canova an ihrem ursprünglichen Standort, um 1875, © ÖNB/Wien, Bildarchiv, WB 141B (C)

Wenn man die berühmte Theseusgruppe von Antonio Canova sehen wollte, so war man früher auf den Gartenaufseher des Wiener Volksgartens angewiesen: unterbrochen von nur kurzen Phasen war er derjenige, der die Tore des Tempels bei Bedarf aufschloss – ein halbes Jahrhundert lang ging das so. Das änderte sich erst nach öffentlichen Protesten 1878. Von nun an war der 1823 vollendete Theseustempel regelmäßig tagsüber geöffnet.

Einige Jahre später machten das klassizistische Bauwerk und das jahrzehntelang „eingesperrte“ Kunstwerk in seinem Innern wieder Schlagzeilen: unter der Überschrift „Die Demolierung des Theseustempels“ berichtete „Die Presse“ am 18.10.1883:

„Wir erhalten von einem Kunstfreunde folgende Zuschrift: Die […] Notiz, wonach der Theseustempel im Volksgarten zur Demolierung, die Kolossalstatue Canovas aber zu Übertragung in das kunsthistorische Hofmuseum angeblich bestimmt sein solle, hat nicht verfehlt, in den Kunstkreisen der Residenz Aufsehen zu erregen […] Fast ausnahmslos macht sich die Verwunderung über das seltsame Projekt und die Abneigung gegen dasselbe […] merkbar.“

Peter von Nobile, Theseustempel im Wiener Volksgarten, 1819 – 1823. Verkleinerte Nachbildung des Athener Theseions. Ursprünglicher Aufstellungsort der Theseusgruppe Canovas.

Aber es kam nicht dazu: Der Theseustempel blieb erhalten und für das an seiner Stelle zunächst geplante Mozart-Denkmal wurde viele Jahre später ein anderer Standort gefunden. Doch die monumentale Skulptur wanderte tatsächlich sieben Jahre später unter großen Mühen in das kurz vor der Eröffnung stehende Kunsthistorische Museum.


Aus dem jahrzehntelang „eingesperrten“ wurde zunächst ein “verunglückter“ Theseus:

 

Am 31.10.1890 schrieb das Mährische Tagblatt: 

„Beim Transport der weltberühmten „Theseusgruppe“ Canovas aus dem Wiener Volksgarten in das kunsthistorische Museum brach der Wagen, wobei das Kunstwerk ins Erdreich sank und der keulenschwingende Arm des Theseus zerbrach. Der Schaden ist leicht auszubessern. Gestern wurde die Statue neuerdings auf einen Wagen gebracht und anstandslos in das Kunsthistorische Museum überführt.“

Die Theseusgruppe (1805-1819) im Stiegenhaus des KHM, um 1900
© ÖNB/Wien, Bildarchiv, Pk 4371, 135

Canovas „Theseus erschlägt den Kentauren“ wacht seit dem im Stiegenhaus des KHM. Der verwaiste Tempel nahm zunächst 1934 Teile jener Sammlung auf, die seit 1978 unter dem Namen „Ephesos-Museum“ in der Neuen Burg zu sehen ist.

Seit 2012 präsentiert das Kunsthistorische Museum im Theseustempel zeitgenössische Kunst.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 18.9.2018 in #Momente, Objekte, Geschichten
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