Kunstgeschichten

Die hier nach und nach versammelten Kurztexte stellen jeweils ein Kunstwerk vor. Mit ihnen klingen an: Herzenswärme, Mut und Frieden, Grausamkeit, Schwäche und Krieg. Sollten Sie angesichts des von Menschenhand und –hirn geschaffenen Reichtums Feuer fangen und Freundschaften schließen, so ist ihr Besuch im Kunsthistorischen Museum herzlich willkommen. Unsere Originale sind in den Sammlungsräumen bestens aufgestellt.

Themen derzeit: #Momente, Objekte, Geschichten aus der 125-Jährigen Geschichte des Kunsthistorischen Museums, Marienbilder aus der Ich-Perspektive: #Ich bin Maria und, anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes: #Menschenbilder Europas.

1871: Original

Die beiden tragenden Säulen rechts im Bild – wir befinden uns in Saal I der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung des KHM – sind ebenso wie die beinahe identische Säule in Saal V tatsächlich originale altägyptische Papyrusbündelsäulen.

Als man 1871 mit dem Bau des Kunsthistorischen Museums begann, war ihr Einsatzplan schon erdacht: die wertvollen Stücke standen damals gleichsam ungenutzt, da ihrer tragenden Funktion beraubt, im Hof des Unteren Belvedere, das damals nicht nur diese Stücke sondern beinahe die gesamte ägyptisch-orientalische Sammlung der Habsburger beherbergte.

Die Fundgeschichte der jeweils ca. 12 Tonnen schweren Säulen beginnt im Jahr 1845: damals berichtet der berühmte Ägyptologe Karl Richard Lepsius, dass er sie „vor den Thoren von Alexandria“ gesehen habe. 20 Jahre später, in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts machte die ägyptische Regierung die offensichtlich zwischendurch wieder unter einer Sandschicht verschollenen Säulen nach einigen diplomatischen Umwegen dann Kaiser Franz Josef zum Geschenk.

Mit der k.k. Transportbrigg Bravo wurden sie über Korfu nach Triest transportiert, dort lief das Schiff am 8.10.1866 ein. Mit der Südbahn ging es weiter nach Matzleinsdorf (dem heutigen Hauptbahnhof). Dort wurden sie am 17.10. abgeladen, aber erst zwei Jahre auf den vorläufig letzten Teil ihrer Reise geschickt:  Nun benötigte man vier Tage und durchschnittlich 15 Pferde, um über den Rennweg das Untere Belvedere zu erreichen.

Doch die Reise ging bekanntlich weiter: Ende März 1876 wird am Rennweg – man hatte 1871 mit dem Bau der Hofmuseen an der neuen Ringstraße begonnen - ein Gerüst „zum Umlassen“ der Säulen aufgestellt und innerhalb einer Woche waren alle drei Objekte unbeschadet auf die Seite gelegt worden. Mitte April wurden sie auf der knapp zwei Kilometer entfernten Baustelle am Ring abgeladen und im Mai an ihrem bis heute (und wohl auch in Zukunft) endgültigen Standort eingebaut.

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 19.3.2018 in #Momente, Objekte, Geschichten
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