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Nahaufnahme
Forschung im Kunsthistorischen Museum
26. November 2014

Das Kunsthistorische Museum ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung für kunsthistorische Fächer. „Hinter den Kulissen“ des Ausstellungs- und Museumsbetriebs arbeiten hier KuratorInnen, RestauratorInnen und NaturwissenschaftlerInnen an der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Dokumentation der herausragenden Sammlungsbestände mit rund 600.000 Objekten.

Die Forschungskonferenz bietet einen Einblick in das vielfältige Spektrum der im Haus betriebenen eigen- und fremdfinanzierten Projekte, die wiederum unverzichtbare Grundlagen für eine adäquate Vermittlung sowie für Ausstellungen und Publikationen im Museum darstellen.


Programm

9 – 9.15 Uhr

Begrüßung
Sabine Haag

9.15 – 10.45 Uhr

Chair: Michael Alram


Das Bruegelprojekt – aktuelle technologische Forschungen im KHM
Elke Oberthaler und Sabine Pénot

Das Kunsthistorische Museum besitzt mit 12 Tafelbildern den bei weitem größten Bestand an Gemälden Pieter Bruegels des Älteren weltweit. Seit Oktober 2012 werden diese Bilder des bedeutendsten niederländischen Malers des 16. Jahrhunderts in Kooperation mit der Getty Foundation im Rahmen der Getty Panel Initiative systematisch untersucht. Deren Fokus liegt auf der Analyse der strukturellen Beschaffenheit der Tafelbilder und ihrer Auswirkung auf den Erhaltungszustand der Gemälde. Dabei wird der Bestand des Kunsthistorischen Museums von Grund auf analysiert und unter Einbeziehung der heute zur Verfügung stehenden technologischen, nicht invasiven Untersuchungsmethoden erforscht. Die tiefgehende technologische Analyse der Tafelbilder bringt im höchsten Maße aufschlussreiche Ergebnisse für die Erforschung des Œuvres von Pieter Bruegel d. Ä. So ergibt sich etwa durch das Sichtbarmachen der Unterzeichnungen in den Gemälden eine Verbindung zum zeichnerischen bzw. druckgraphischen Œuvre des Meisters. Die Fragestellungen in Hinblick auf Bruegel als Zeichner und Maler wurden bislang meist getrennt behandelt. Durch die neuen IRR-Untersuchungen wird ein wichtiger Schritt gesetzt, um diese Lücke zu schließen.


Turmschädel und Feueraltäre – Die Münzprägung der Iranischen Hunnen
Klaus Vondrovec

Bis heute sind uns die Hunnen als Auslöser der Völkerwanderung im Gedächtnis und ihr größter und zugleich letzter Anführer Attila gilt sogar als „Geißel Gottes“. Weniger bekannt ist, dass andere Völkerschaften hunnischen Ursprungs etwa zeitgleich in Zentralasien eingewandert sind – und auch hier wissen ihre Feinde nichts Gutes über sie zu berichten. Diese sog. Iranischen Hunnen selbst haben, wie auch ihre Verwandten in Europa, keine eigene schriftliche Überlieferung aufzuweisen – eine Ausnahme bildet jedoch ihre Münzprägung.

Gerade das letzte Jahrzehnt hat, bedingt durch neu bekanntgewordenes Material, ganz wesentliche Fortschritte in der Erforschung der Geschichte des vorislamischen Zentralasiens gebracht. Im Rahmen eines Nationalen Forschungsnetzwerkes (NFN), das 2007–2012 durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert wurde, war es möglich, Experten aus sämtlichen historischen Disziplinen zusammenzubringen. Aus der Neubearbeitung der weltweit größten Münzsammlungen sind v. a. zwei umfangreiche Monographien hervorgegangen. Der Vortrag präsentiert die neuesten Ergebnisse der systematischen Erforschung der Münzprägung der Iranischen Hunnen.


Morphologische Untersuchungen von Geigenkorpussen.
Stradivari, Guarneri und Stainer im Micro-CT Scan
Rudolf Hopfner und Gerhard Weber

Dank ihrer hervorragenden Auflösung (80 µm) bilden Micro-CT Scans die Grundlage für präzise Zustandsanalysen und Dokumentationen von Geigenkorpussen. Im Rahmen eines vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank finanzierten Forschungsprojekts sollen neben diesen Dokumentationsverfahren erstmals auch morphologische Fragestellungen mit Untersuchungsmethoden, die eigentlich aus der Biologie stammen, bearbeitet werden. In Zusammenarbeit mit dem Department für Anthropologie und dem Vienna Micro-CT Lab der Universität Wien, die führend auf dem Gebiet der virtuellen Anthropologie sind, werden Verfahren zur Analyse von Gestalt- und Formvariation erstmals auf die Korpusse von Geigen angewendet. Dabei werden landmarks, also Punkte mit entsprechender geometrischer Korrespondenz zwischen verschiedenen Geigenkorpussen, definiert und ihre räumliche Konfiguration wird verglichen. Während bisher unterschiedliche Korpusmodelle, etwa von Stradivari, nur über den Vergleich einiger weniger Grundmaße und über den optischen Eindruck erfasst wurden, wird es mit der an der Uni Wien entwickelten Methodik möglich sein, wesentlich differenziertere Aussagen zu treffen. Das Forschungsprojekt zeichnet sich durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Experten der Organologie und Naturwissenschaften sowie den Einsatz von modernster Technologie bei der Untersuchung von historischen Streichinstrumenten der besten Meister ihres Fachs aus.


10.45 – 11.30 Uhr

Kaffeepause

Posterpräsentation

11.30 – 13 Uhr

Chair: Sylvia Ferino


Missing Link: Ein Porträt als Glücksfall für die Forschung
Monica Kurzel-Runtscheiner

Ein auf den ersten Blick eher unscheinbares Gemälde, das im März 2012 im Auktionshaus Christies in London ersteigert werden konnte, entpuppte sich als wahrer Glücksfall für die Forschung: Es zeigt einen etwa 50-jährigen Herrn in österreichischer Beamtenuniform, der vor der Büste von Kaiser Franz I./II. steht. Aufgrund der liebevollen Wiedergabe der Kleidung, die alle Details wie Stickereien, Knöpfe und Degen genau erkennen lässt, handelt es sich hierbei um eine ebenso seltene wie wertvolle Quelle zur Geschichte der zivilen Uniform in Österreich.

Zur wirklichen Sensation wurde dieser Ankauf, als aufgrund der Wappendarstellung, die der Porträtierte in seiner Rechten hält, dessen Identität geklärt werden konnte: Es handelt sich um Ignaz Grill, den langjährigen Kanzleidirektor des Oberststallmeisteramtes, der zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte der kaiserlichen Hof-Wagenburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zählt. Er gehörte ab 1820 zum Hofstaat von Kaiser Franz und wurde 1830 in Anerkennung seiner Verdienste mit dem Prädikat „von Warimfeld“ in den Adelsstand erhoben.

Das Bild, das wohl anlässlich dieser Standeserhöhung in Auftrag gegeben wurde, zeigt Grill in der von Kaiser Franz per 11.9.1814 eingeführten ersten Uniform für die Beamten des Hofstaates, deren genaues Aussehen bisher nicht bekannt gewesen ist: Die Vorschrift selbst hat sich zwar erhalten, nimmt aber auf Stickerei-Muster Bezug, die dort nicht abgedruckt sind. Anhand dieses Porträts konnten im Monturdepot vorhandene Bleistiftzeichnungen aus dem Oberststallmeisteramt als Vorlagen ebendieser Stickereien identifiziert werden, wodurch nun das Aussehen aller Hofbeamten-Uniformen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rekonstruierbar geworden ist.


Zeit für Dürer. Zum wissenschaftlichen Bestandskatalog der deutschen Gemälde bis ca. 1540
Guido Messling und Alice Hoppe-Harnoncourt

Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums erarbeitet derzeit einen Bestandskatalog der deutschen Gemälde bis ca. 1540. Ziel dieses Vorhabens ist es, diesen bedeutenden, etwa 160 Bilder umfassenden Teil der Sammlung, der mit zahlreichen Werken Dürers, Cranachs und Holbeins weltweit zu den wichtigsten seiner Art zählt, erstmalig zusammenhängend und nach heute gültigen wissenschaftlichen Standards zu publizieren. Der interdisziplinäre Ansatz schließt umfassende technologische Untersuchungen genauso ein wie eine deren Ergebnisse berücksichtigende Analyse nach kunsthistorischen Fragestellungen. Der Projektleiter Dr. Guido Messling und Mag. Alice Hoppe-Harnoncourt geben anhand zweier Fallbeispiele einen Einblick in diese Arbeit.


Der Ibis und sein Papyrus
Eine unerwartete Entdeckung in der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung
Vanessa Novak und Michael Neumann

Im Mai 2013 wurden im Rahmen der Generalrevision der Inventare der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung sowie der Übersiedlung des Keller-Depots die Tiermumien genauer untersucht. Zu den relevanten Gegenständen zählte auch eine Gruppe von Tonkegeln, die als Särge für mumifizierte Ibisse dienen. Diese Objekte wurden bereits 1855 von Erzherzog Ferdinand Max, dem späteren Kaiser Maximilian von Mexiko, von einem Staatsbesuch aus Ägypten mitgebracht. In einem der Tonkegel wurde unter der Ibismumie eine bis dahin unbekannte, in Leinentücher eingewickelte Papyrusrolle entdeckt.

Im Frühjahr 2014 wurde die Papyrusrolle in der Restaurierwerkstätte der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung behutsam ausgerollt. Nach der Behandlung der losen Fragmente wurde mit dem Öffnen der Rolle begonnen. Da heutzutage kaum noch eingerollte Papyri gefunden werden, musste die Methode dazu eigens entwickelt und im Laufe des Restaurierungsprozesses weiter verfeinert werden. Nach dem Zusammenkleben aller Fragmente des Papyrus weist dieser nun eine Gesamtlänge von 2,50 Metern auf.

Der Papyrus selbst dürfte aus dem späten Neuen Reich (um 1100 v. Chr.) stammen, Tonkegel und Ibismumie sind vermutlich in die Spätzeit oder danach zu datieren und somit mindestens 400 Jahre jünger.

Noch sind viele Fragen im Zusammenhang mit diesem unerwarteten Fund offen: Welchen Textinhalt hat der Papyrus? Warum wurde die Papyrusrolle der Ibismumie beigegeben und wann geschah dies? Erste Antworten liefern die Ergebnisse der 14C Analysen, durch die das Alter der Leinentücher und der Umwicklung der Ibismumie bestimmt wurde.


13 Uhr

Ende der Veranstaltung

Kunsthistorisches Museum Wien, Bassano Saal, 2. Stock, Maria Theresien-Platz, 1010 Wien
Anmeldung unter forschung@khm.at

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