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„Nahaufnahme“ – Forschung im Kunsthistorischen Museum
Mittwoch, 18. November 2015, Bassano Saal 9 – 13 Uhr

Das Kunsthistorische Museum ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung für kunsthistorische Fächer. „Hinter den Kulissen“ des Ausstellungs- und Museumsbetriebs arbeiten KuratorInnen, RestauratorInnen und NaturwissenschaftlerInnen an der Bewahrung und Erforschung der Sammlungsbestände, die weltweit zu den bedeutendsten ihrer Art zählen. Im Rahmen der Forschungskonferenz möchten wir Ihnen einen Einblick in das Spektrum der im Haus betriebenen wissenschaftlichen Projekte bieten, die wiederum unverzichtbare Grundlagen für eine adäquate Vermittlung sowie für Ausstellungen und Publikationen im Museum darstellen.

In Kurzvorträgen stellen WissenschaftlerInnen des Museums ihre jüngsten Forschungsergebnisse vor. Im Fokus der diesjährigen "Nahaufnahme" stehen u.a. die Reise einer antiken Bronzestatue, das frühneuzeitliche Turnierbuch Maximilian I., die technologische Analyse asiatischer Lackarbeiten sowie der Wandel der Gemäldegalerie hin zur wissenschaftlichen Institution in den Jahren 1911 – 1938.

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!


Programm

9 – 9.15 Uhr

Begrüßung
Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums

9.15 – 10.45 Uhr

Chair: Stefan Weppelmann, Direktor der Gemäldegalerie


Freydal. Das Turnierbuch Kaiser Maximilians I. von 1512/15
Stefan Krause, Kurator, Hofjagd- und Rüstkammer

Die Turnierhandschrift Freydal im Kunsthistorischen Museum in Wien ist eines der prachtvollsten Kunstwerke seiner Art, doch wurde dieses reich illustrierte frühneuzeitliche Manuskript bisher noch nicht eingehend erforscht. Dies soll nun im Rahmen eines Forschungsprojektes nachgeholt werden.

Freydal zeigt in 256 reich vergoldeten Miniaturen die Turnierkämpfe und Feste Kaiser Maximilians I. Das Werk entstand um 1512/15 wohl im süddeutschen Raum unter Beteiligung einer größeren Gruppe anonymer Künstler und ist Teil jener Reihe von Druckwerken, die Kaiser Maximilian I. zur Verherrlichung seines eigenen Lebens vorgesehen hatte. Zu ihnen zählen auch der Triumphzug und die Ehrenpforte. Freydal sollte gemeinsam mit den beiden anderen illustrierten Romanen ‒ Theuerdank und Weisskunig ‒ in allegorisch-romantisierter Form das Leben Kaiser Maximilians I. erzählen. Der Buchtitel Freydal gibt, wie auch derjenige von Theuerdank und Weisskunig, den Namen des Helden des Buches wieder, der zugleich ein literarisches Alter Ego Maximilians I. darstellt. Bei dem Wiener Manuskript des Freydal handelt es sich wohl um die prunkvolle Endfassung des Buches, die für Kaiser Maximilian persönlich bestimmt war und auf deren Basis eine gedruckte Ausgabe erstellt werden sollte. Im Gegensatz zu den Büchern Theuerdank und Weisskunig gelangte die Druckversion von Freydal jedoch nie über die Anfänge hinaus; nur fünf Holzschnitte zu Freydal sind bekannt.

Im Rahmen des aktuellen Forschungsprojektes wird das Turnierbuch Freydal kunsthistorisch sowie naturwissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse sollen in einer umfassenden Publikation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.


East-Asian Lacquer Project. Scientific Investigation and Conservation of Asian Lacquer Works of Art
Václav Pitthard, Conservation Science Department, Kunsthistorisches Museum
Silvia Miklin-Kniefac, Atelier for conservation and restoration, Vienna

(The lecture will be held in English and German.)

European aristocrats began collecting East-Asian artefacts in the16th century. In order to identify later European imitations and replicas and to determine their provenance it has always been important to define both the coating technique used and the composition of the surface varnishes and lacquers. This lecture gives an overview of the results of a comprehensive on-going research project that focuses on the scientific investigation of the original materials applied to, and the subsequent conservation treatment of a Japanese Namban lacquer cabinet in the collections of the Kunsthistorisches Museum Vienna, and an imperial Chinese carved lacquer screen in the Weltmuseum Vienna (Figs. 1a, b). The analyses of western lacquers based on resinous or oleo-resinous varnishes were performed using gas chromatography-mass spectrometry technique (GC-MS,) while the pyrolysis (Py-GC-MS) enabled us to differentiate between aged Asian lacquers according to their various chemical compositions (Fig. 2) and thus to trace the trade routes and production centres of the lacquers. The results offer a comprehensive overview of the techniques used and the state of preservation of these exquisite pieces, forming the basis of a conservation/restoration intervention that reflects the goals of this research project; it includes documentation of the objects’ history, previous restoration treatments and their current condition. Based on these analytical results, both traditional Asian and modern Western techniques and materials for the conservation/restoration were applied ‒ namely the stabilization of the partially instable structure of the artefacts, the stabilization of flaking lacquer layers, cleaning, filling missing parts, and the consolidation of the deteriorated lacquer surfaces.

Fig 1a
Fig 1a: Reverse side of the Chinese imperial carved lacquer screen, Qianlong period (1736–95) of the Qing dynasty, dimensions 3.30 m x 2.60 m

Fig 1b
Fig 1b: Stabilization of lifting lacquer layers on the reverse side of the lacquer screen

Fig 2
Fig. 2: Ion extracted pyrogram of the red lacquer layers based on urushi lacquer


Die Wiener Gemäldegalerie in den Jahren 1911 bis 1938
Jüngste Ergebnisse zu Neupräsentation, Erwerbungspolitik und Depotentdeckungen
Wencke Deiters, Projektmitarbeiterin, Gemäldegalerie

Grundlage des Vortrages sind Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt Die Wiener Gemäldegalerie im Wandel der Zeiten – von 1911 bis 1938. Gegenstand der Untersuchung ist der Wandel von der kaiserlichen Sammlung zum modernen Museum. Die Aufarbeitung basiert auf nicht publiziertem Aktenmaterial aus den Museumsarchiven.

1911 übernimmt mit Gustav Glück erstmals ein Kunsthistoriker die Leitung der Gemäldegalerie. Mit wissenschaftlichem Anspruch verändert er das Erscheinungsbild durch eine Neupräsentation und die Sammlung durch eine gezielte Ankaufspolitik. Darüber hinaus ändert sich der Bestand der ausgestellten Werke durch Neuzugänge aus den Depots: Zahlreiche Gemälde erhalten durch Restaurierungen und Röntgenuntersuchungen – ein Novum in Europa – neue Zuschreibungen. Unter Glück wird die Gemäldegalerie zur wissenschaftlichen Institution.

Seine Nachfolger, Arpád Weixlgärtner (1931 bis 1933) und Alfred Stix (1933 bis 1938), führen diese Linie fort. Der Vortrag präsentiert jüngste Erkenntnisse hinsichtlich der neuen Präsentation, der Sammlungspolitik und der Entdeckungen im Depot.

Beispiel für eine Neuentdeckung nach der Restaurierung

Abb1
Abb. 1: Zustand vor der Restaurierung: „Maria mit Kind“, ehemals zugeschrieben an Boccaccio Boccacino

Abb2
Abb. 2: Bei der Restaurierung 1914/15 kommt am linken Bildrand eine Hand zum Vorschein, die ein Glas hält. Die Komposition wird als Fragment der verschollen geglaubten „Pala di San Cassiano“ von Antonello da Messina entdeckt.

Abb3
Abb. 3: Heutiger Zustand: Antonello da Messina, „Maria mit Kind und den Hll. Nikolaus von Bari, Anastasia (?), Ursula, Dominikus und (vom Rahmen überschnitten) Helena“ (Inv. Nr. GG 2547). Die mittlere Tafel wurde um die beiden 1928 im Depot gefundenen Seitenteile ergänzt.


10.45 – 11.30 Uhr

Kaffeepause

11.30 – 13 Uhr

Chair: Michael Alram, Direktor des Münzkabinetts


Der Athlet von Ephesos
Alte Restaurierungen – neue Herausforderungen
Georg Plattner, Direktor der Antikensammlung
Bettina Vak, Restauratorin, Antikensammlung

Bereits zu Beginn der österreichischen Grabungen in Ephesos (Türkei) 1896 wurden Fragmente einer antiken Bronzestatue gefunden. Die Teile der Skulptur, die wohl bei einem Erdbeben zerstört worden war, kamen als Geschenk des Sultans nach Wien und wurden hier vor über 100 Jahren erneut zusammengesetzt. Wiedergegeben ist ein Athlet, der sich nach dem Sport reinigt. Der römische Bronzeguss geht wahrscheinlich auf ein griechisches Original der späten Klassik (4. Jh. v. Chr.) zurück.

In einer für seine Zeit bemerkenswerten Technik hatte der Bildhauer Wilhelm Sturm einzelne Teile mit Schrauben auf Messingblechen fixiert. Die so zusammengefügten Fragmentgruppen wurden auf ein „Skelett“ aus Eisenstangen montiert, das Innere der hohlen Statue wurde bis zur Höhe des Halses mit Zementmörtel gefüllt.

1996 wurde vor der kroatischen Küste eine typengleiche Statue entdeckt. Es ist ein einzigartiger Glücksfall, dass unter den wenigen erhaltenen antiken Bronzestatuen nun „Zwillinge“ bekannt sind ‒ derartige Werke wurden ja zum Zweck der Wiederverwendung des Materials vielfach eingeschmolzen. Eine Ausstellung des Getty Museum in Los Angeles (USA), in der nun erstmals beide Statuen nebeneinander zu sehen sind, war der Anlass zu erneuter intensiver Beschäftigung mit der Skulptur. Im Fokus standen neben der kunsthistorischen Einordnung besonders der Zustand der alten Restaurierung und die Entwicklung einer bestmöglichen Verpackung für den Transport.


Neueste Forschungsergebnisse nach der Restaurierung von Garofalos
Altarbild Die Auferstehung Christi aus dem Jahre 1520
Ingrid Hopfner, Restauratorin, Gemäldegalerie

Die umfangreiche Restaurierung des Altarbildes von Garofalo mit der Auferstehung Christi aus dem Jahr 1520 gibt der Öffentlichkeit ein seit 1976 nicht mehr im Kunsthistorischen Museum gezeigtes Hauptwerk ferraresischer Renaissancemalerei zurück. Äußerst schlechte Klimabedingungen in der Primärgalerie ab 1966 führten zu weiteren Schäden an der Malschicht.

Garofalos Altarbild gehört zu den seltenen Altarbildern aus dem frühen 16. Jahrhundert, die noch einen originalen Bildträger aufweisen. Das Gemälde wurde um 1520 von Girolamo Sacrati bei Garofalo für die erzpriesterliche Kirche in Bondeno (Ferrara) in Auftrag gegeben. Es verblieb bis 1855 in der Kirche und wurde dann an den Kaufmann Ubaldo Sgherbi verkauft, damit die dringenden Renovierungsarbeiten an der Kirche finanziert werden konnten. Später kam das Altarbild in die Sammlung des Hauses Bourbon-Parma. Im Jahre 1962 verkaufte Prinzessin Alice Bourbon-Parma, Infantin von Spanien, das Meisterwerk an das Kunsthistorische Museum.

Anlass der Restaurierung waren der empfindliche konservatorische Zustand des Bildträgers und der Malschicht sowie die geplante Präsentation des Gemäldes in der Primärgalerie. Im Mittelpunkt der Bearbeitung standen die Konservierung des Bildträgers und der Malschicht. Durch die Abnahme alter, gegilbter Firnisschichten kommt die originale und sehr brillante Farbigkeit des Gemäldes nun wieder voll zur Geltung. Im Rahmen der Restaurierung nahm die wissenschaftliche Aufarbeitung zur Maltechnik Garofalos mithilfe von Infrarotaufnahme, Röntgenaufnahme, Querschliffen, Bindemittelanalysen und Fotodokumentation einen bedeutenden Stellenwert ein.

Für das Gemälde wurde ein neuer Zierrahmen angefertigt und mit einem Klimakontrollsystem ausgestattet, um exakte Informationen über die Umgebungsverhältnisse des Gemäldes in der Primärgalerie zu erhalten. Diese Datenlogger können Zusammenhänge zwischen den klimatischen Gegebenheiten und möglichen zukünftigen Veränderungen an Bildträger und Malschicht erklären.


Vergessene Kostbarkeiten aus Leinendamast:
Die Tafelwäsche des Ordens vom Goldenen Vlies
Mario Döberl, Kurator, Kaiserliche Wagenburg Wien

Der Schatz des Ordens vom Goldenen Vlies, eines der vornehmsten Ritterorden des Abendlandes, wird seit Ende des 18. Jahrhunderts in Wien aufbewahrt. Die meisten Bestandteile dieses einzigartigen Schatzes sind ständig in der Kaiserlichen Schatzkammer ausgestellt. Sie zählen dort zu den absoluten Meisterwerken und Hauptanziehungspunkten für Besucher.

Ein Teil des Ordensschatzes, nämlich die Tafelwäsche, lagerte hingegen bislang weitgehend unbeachtet in einem kleinen Museumsdepot der Hofburg. Im Anschluss an die 2012 erfolgte Übersiedlung der Leinendamaste in das neue, geräumige Zentraldepot des Kunsthistorischen Museums konnte die erstmalige wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Sammlungsbestandes in Angriff genommen werden. Dabei wurde den Museumsmitarbeitern schlagartig klar, um welch hochrangige Objekte es sich hier handelt.

Innerhalb des Bestands sticht vor allem eine aus drei großformatigen Tafeltüchern – das größte davon misst rund 17 x 3 Meter! – und 34 Servietten bestehende Garnitur aus dem frühen 16. Jahrhundert heraus. In keiner anderen Sammlung weltweit hat sich ein derart altes, nahezu vollständiges Set an Tafelwäsche höchster Qualität erhalten. Zudem lässt sich anhand von Archivquellen nunmehr auch die Geschichte der Leinendamaste minutiös rekonstruieren. Bekannt sind nach ausgiebigen Recherchen nun unter anderem der Auftraggeber – Kaiser Karl V. selbst –, das genaue Herstellungsjahr, der Name des Webers, der Erzeugungsort, die hohen Anschaffungskosten sowie die Verwendungsgeschichte der Objekte.


13 Uhr

Ende der Veranstaltung

Kunsthistorisches Museum Wien, Bassano Saal, 2. Stock, Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien
Anmeldung unter forschung@khm.at

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