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„Ornamente – Tiere – Menschen“

Corpus Vasorum Antiquorum KHM Band 7

Mit 1. Dezember 2008 begann am Kunsthistorischen Museum (KHM) Wien ein neues FWF-Projekt (Nr. P21171-G19), mit dem Ziel, die attisch geometrischen, protoattischen und einen Teil der attisch schwarzfigurigen Vasen aus den Beständen der Antikensammlung für eine Publikation im Rahmen des Corpus Vasorum Antiquorum (CVA) vorzubereiten (CVA KHM Wien, Band 6).

Neben einer umfassenden wissenschaftlichen Beschreibung und Analyse – 70% der knapp 100 Gefäße sind noch unpubliziert – erfolgt die Materialaufnahme durch eine photographische Dokumentation sowie eine Oberflächen-schonende Aufnahme aller zugänglichen Maße mittels 3D-Scanning, das durch MitarbeiterInnen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Mustererkennung und Bildverarbeitung (PRIP) der Technischen Universität Wien) unter DI Hubert Mara durchgeführt werden wird (vgl. FWF-Projekt Nr. P18213; Projektleitung Dr. Claudia Lang-Auinger, Dr. Alfred Bernhard-Walcher). Bei den chronologisch ältesten Vasen, den attisch protogeometrischen und geometrischen Gefäßen, sind unterschiedliche Vasenformen vertreten. Zwei protogeometrische Lekythen des 10. Jh.s v. Chr. bilden die frühesten Beispiele. Bei den Gefäßen der geometrischen Periode ist ein breites Formenrepertoire (von Pyxis über Kalathos zu Amphora, wobei Kannen die größte Gruppe bilden) vorhanden und mit ihnen ein repräsentatives Zeitspektrum (FG II 875/50 v. Chr. bis SG IIb 720/700 v. Chr.) abgedeckt. Neben vorwiegend ornamentaler Verzierung weisen die Gefäße vereinzelt figürliche Darstellungen – u. a. Krieger, Vogel, Pferd –, plastische Appliken (Schlange) bzw. figürliche Deckelgriffe (Pferd, Vogel) auf. Die größte Gruppe innerhalb des Projektes bilden die attisch schwarzfigurigen Gefäße und hier unterschiedliche Amphorenformen. Nur etwa ein Drittel dieser Vasen wurde durch John D. Beazley bestimmten Werkstätten und Malern zugeordnet, als er 1910, 1924 und 1938 eine Autopsie der Bestände im KHM vornahm.
Eine Lekane sowie eine Loutrophoros-Hydria sind der spätprotoattischen bzw. frühschwarzfigurigen Periode zuzuordnen und sind typische Beispiele, die noch am beginnenden 6. Jh. v. Chr. die Vorliebe mancher Werkstätten für Tiere und Mischwesen bei gleichzeitiger Verwendung ornamentalen Hintergrunddekors zeigen.
Aus der nachfolgenden Zeit sind die jeweils führenden Gruppen bzw. Werkstätten vom beginnenden 6. Jh. v. Chr. bis in die Spätzeit der schwarzfigurigen Vasenmalerei der ersten Hälfte des 5. Jh.s v. Chr. vertreten (u. a. eine Pferdekopfamphora, Maler von Louvre F6, Maler der Gruppe E, Nikosthenische Amphoren, Leagros-Gruppe, Gela-Maler, Diosphos-Maler).

Ikonographisch weisen die Darstellungen eine große Vielfalt auf. Die Bilder zeigen verschiedene Gottheiten und HeroInen in kriegerischen Auseinandersetzungen und Darstellungen spezieller Ereignisse. Realistische Szenen sind dem Alltagsleben von Frauen und Männern entnommen, letztere erscheinen besonders als Krieger, Athleten oder Musiker. Andere Abbildungen handeln von Knabenausbildung oder Totenklage. Diese Alltags- wie auch mythologischen Darstellungen fügen sich in das allgemein übliche gleichzeitige attische Darstellungsrepertoire ein. Die detaillierte Dokumentation der Herstellungsdetails, im Besonderen allfällig vorhandener Vorzeichnungen und -ritzungen bildet einen besonderen Schwerpunkt in der Zusammenarbeit zwischen Restauratorin  (Mag. Bettina Vak) und Archäologin. In der bisherigen Erforschung attisch schwarzfiguriger Keramik ist dies oft ein Desiderat, da aufgrund der Herstellungstechnik die meisten Vorzeichnungen von der späteren Bemalung überdeckt sind. An den Gefäßen des KHM sind unterschiedliche Arten von Vorzeichnungen bzw. -ritzungen feststellbar. Flache in die Tonoberfläche eingedrückte bzw. leicht erhabene mit Tonschlicker aufgetragene Linien dienten als grobe Festlegung einzelner Figuren oder Körperteile direkt auf dem Tonuntergrund. Daneben sind direkt in die schwarze Oberfläche der Figuren gesetzte sehr feine Ritzlinien nachweisbar, die Skizzen für die endgültige Ritzung der Figurendetails bildeten.

Aus der Zusammenarbeit ergab sich für die Restaurierung ein weiterer Schwerpunkt, welcher die Restauriergeschichte und ihre naturwissenschaftliche Aufarbeitung betrifft.

Die Geschichte der Objekte ist RestauratorInnen und ArchäologInnen gleichermaßen ein Anliegen. An vielen der behandelten Objekte ist die originale Bildkomposition nicht eindeutig bis schwierig zu erkennen, es lassen sich historische Restaurierungen aus zwei bis drei Jahrhunderten nachweisen. Vor allem im 18. und 19. Jh. lag das vorrangige Ziel von Restaurierungen attischer Gefäße darin, ein ästhetisch ansprechendes und vor allem komplettes Sammlungsobjekt zu erschaffen.

Diese Restaurierungen/Wiederherstellungen sind oft so perfekt ausgeführt, dass bis heute ohne Zuhilfenahme naturwissenschaftlicher Methoden keine eindeutige Aussage zur Unterscheidung von Original und Ergänzung bzw. Übermalung getroffen werden kann.

Nach Möglichkeit wird die Bandbreite der zerstörungsfreien naturwissenschaftlichen Diagnostik ausgeschöpft (wie z. B. Radiographie, Röntgenfluoreszenzanalyse, Computertomographie, Ultraviolett- und Infrarotaufnahmen, Stereo- und 3D-Mikroskopaufnahmen). Die Stereomikroskopie und ihre digitale Bildbearbeitung sowie Aufnahmen mit sichtbarem Licht, kurz- und langwelligem ultraviolettem Licht (Wellenlänge von 254 nm und 365 nm)werden von Mag. Bettina Vak in der Restaurierwerkstatt der Antikensammlung durchgeführt.  Für die Infrarotaufnahmen stellte die Restaurierwerkstatt der Gemäldegalerie ihre Fotoanlage zur Verfügung, für die Röntgenfluoreszenz-
untersuchungen zeichnet Dr. Bernadette Frühmann verantwortlich.

Die Untersuchungen zur Bestimmung der Pigmente im Malschlicker (vor allem Rot und Weiß) auf der attischen Keramik werden fortgesetzt. Zur Fragestellung, ob es möglich ist, über die Bestimmung der verwendeten Rot-, Schwarz- und Weißpigmente an attisch weiß- und schwarzfiguriger Keramik auf rezente Bemalung zu schließen, wurden für eine Kleinserie von RFA Untersuchungen 13 Gefäße (3 übermalte und 10 Referenzstücke) ausgewählt. Im Zuge dieser Arbeit werden vielleicht auch die Verwendung unterschiedlicher Grundierungen auf den weißgrundigen Lekythen zeitlich näher einzugrenzen und technologische Herangehensweisen zu differenzieren sein. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten wird auf der systematischen Erforschung von Restauriermaterialien liegen.


Attisch Spätgeometrische Kanne
Attisch schwarzfigurige Halsamphora
Kopf des Herakles
Kopf des Herakles (Illustration)
Hand des Herakles
Hand des Herakles (Illustration)
Kopf der Athena
Kopf der Athena (Illustration)

Information

Projektleitung:
Dr. Alfred Bernhard-Walcher

Projektteam:
Dr. Bettina Kratzmüller, Klassische Archäologin, Mag. Bettina Vak, Restauratorin/Konservatorin, DI Dr. Martina Griesser, Chemikerin, Leiterin des naturwissenschaftlichen Labors und deren Mitarbeiterin, die Physikerin Dr. Bernadette Frühmann.

Kooperationspartner:
IKAnt (ÖAW); DI Hubert Mara (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Institut für Mustererkennung und Bildverarbeitung (PRIP) der Technischen Universität Wien/PRIP

Finanzierung:
FWF (Projekt-Nr. P21171-G19), KHM

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