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Das Heroon von Trysa

Untersuchungen zu den bildlichen Darstellungen, der Bauform und dem Grabinhaber

Heroon, Südseite innen: Freiermord des Odysseus: Odysseus und Telemachos
Heroon, Südseite innen: Kalydonische Eberjagd: Atalante
Heroon, Westseite: Stadtbelagerung: Der Stadtherr auf den Zinnen der Burg

Projektleitung: Dr. Alice Landskron
Projektbetreuung: Antikensammlung
Finanzierung: KHM

Seit dem Jahr 2007 finanziert das KHM ein Projekt zur Untersuchung und Erforschung des Heroons von Trysa in Lykien, im Südwesten der Türkei. Diese einzigartige Grabanlage wurde schon 1841 vom Gymnasiallehrer Julius August Schönborn während seiner ausgiebigen Forschungsreisen durch Lykien entdeckt, geriet aber danach wieder in Vergessenheit. Erst 40 Jahre später unternahm Otto Benndorf eine Expedition zu den Ruinen von Trysa. Die Begeisterung über die „Wiederentdeckung“ dieses intakten Grabensembles bestärkte Benndorf, einen Transport der figurengeschmückten Friese nach Wien zu organisieren. Die Reliefplatten wurden im Jahre 1882 mit Genehmigung der türkischen Behörden nach Wien gebracht. Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes steht die Untersuchung der ca. 152 ursprünglich bemalten Reliefplatten, welche die nahezu quadratische Umfassungsmauer der Grabanlage schmückten. Die Komplexität des Bildprogramms manifestiert sich in den vielfältigen Darstellungen mythologischer Themen, die schon mehrfach in der Literatur als „Illustration griechischer Mythologie“ bezeichnet wurden.

Im Eingangsbereich der Grabanlage erwarteten den Besucher multikulturelle Bilderwelten: Der apotropäische Charakter des Torschmucks wird durch die Medusa und die Stierprotomen am Türsturz der Außenseite und die Bes-Figuren am Türsturz der Innenseite formuliert. Der Bezug zum Jenseits und zu kultischen Handlungen für den Verstorbenen manifestiert sich in den einander gegenüber sitzenden Paaren der Außenseite und den Kalathiskostänzern der Innenseite. Kalathiskostänzer/innen spielen beim Bankett eine bedeutende Rolle und beschützen als Wächter des Tores den Verstorbenen. Griechischen Bildtraditionen folgen beispielsweise die Taten der Helden Theseus, Perseus, Odysseus, Meleager und Atalante oder die Helden im Kampf um Theben. Den Themen Kentauromachie und Amazonomachie sind sogar drei bzw. zwei Friesreihen gewidmet. Im Zuge dieses Projektes soll ein Katalog der Reliefplatten erstellt werden, in dem neben Maßen und Erhaltungszustand auch eine detaillierte Beschreibung und stilistische Analyse der Figuren dargelegt wird.

Untersuchungen zur Typologie, Ikonographie und Ikonologie sollen Aufschluss über die Vorbilder bringen. Forschungen zu Traditionen griechischer und lykischer Bilder sowie orientalischer und ägyptischer Themen werden wiederum versuchen, das Bildprogramm der Friese in seiner Gesamtheit zu erfassen, wobei hier auch nach der Motivation der Auswahl der Themen gefragt werden muss. Außerdem soll versucht werden, den Grabherrn als historische Person zu skizzieren und anhand der bildlichen Überlieferung des Grabmonumentes Aufschlüsse über seine gesellschaftspolitische und kulturelle Identität zu gewinnen. Letztlich hat die Studie zum Ziel, die Bauform des Grabdenkmals mit derjenigen anderer monumentaler Grabbauten in Lykien zu vergleichen und die Bedeutung des Heroons und seines Bildprogrammes für die Klassik des 4. Jhs. v. Chr. zu diskutieren. Die Reliefs der Grabdenkmäler in Lykien sind wichtige Zeugnisse der Lebenswelt des lykischen Volkes. Ihre Darstellungen spiegeln kulturelle Vorstellungen und historische Kontexte wider. Als Vergleiche sind neben monumentalen Anlagen wie dem Nereiden-Monument von Xanthos, dem Heroon von Limyra oder dem Maussolleion in Halikarnassos auch einzelne Sarkophagreliefs und die Grabreliefs von Myra, Limyra, Tlos und vieler anderer antiker Stätte in Lykien zu diskutieren.

Einzigartig in der lykischen Bildtradition ist die Darstellung des Freiermordes durch Odysseus, aber auch die Theseis oder der Raub der Leukippiden, die Kalydonische Eberjagd und die Sieben gegen Theben werden ausschließlich auf diesem lykischen Denkmal dargestellt. Ob die „Stadtbelagerung“ an der Westseite im Sinne einer Rezeption der homerischen Mythen oder als dynastische Repräsentation und historisches Ereignis aus der Vergangenheit des Grabherrn zu deuten ist, soll mit einer fundierten Analyse des homerischen Textes und der Bildvorlagen beantwortet werden. Die Auswahl des Bildschmucks einer so bedeutenden Grabanlage kann nicht zufällig erfolgt sein. Selbst wenn die Wiederholung der Amazonen- und Kentaurenkämpfe oder die flüchtig anmutenden Jagdszenen den Eindruck rein dekorativer Füllung von Friesen vermitteln, lassen Motive wie der Freiermord, die Stadtbelagerung oder etwa die Reliefs mit Taten des Theseus und Perseus kaum eine oberflächliche Interpretation der Kompositionen zu. Ganz eindeutig präsentiert der Grabherr beispielsweise mit dem Relief des Bellerophon und der Chimaira seine Abstammung aus einem lykischen Adelsgeschlecht, denn Bellerophon gilt als mythischer Stammvater der Lykier. Mit der Wahl griechischer Mythen wird wiederum die Verbindung zu Athen gezeigt.

Nach Abschluss des Forschungsprojektes ist eine umfassende Publikation der Reliefplatten des Heroons geplant, die im Kontext der Grabanlage und besonders der Denkmäler des 4. Jhs. v. Chr. In Lykien diskutiert werden. Fotografische Neuaufnahmen, die vom Fotoatelier des KHM im Jahr 2007 von den restaurierten Reliefplatten angefertigt wurden, werden den Text der Publikation illustrieren.

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