Die Geschichte der Wagenburg

Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 waren in den kaiserlichen Hofstallungen (dem heutigen Museumsquartier) über 600 Fahrzeuge unterschiedlichster Art eingestellt. Nicht nur die kaiserliche Familie hatte Anspruch auf den Gebrauch von Hofwagen, sondern auch die Würdenträger und Bediensteten bis hin zu den Hofschauspielern und den Edelknaben. Dementsprechend groß war das Spektrum der Fahrzeuge, das von barocken Prunkkarossen über Gala-, Freizeit- und Alltagswagen bis hin zum Lastenautomobil reichte.

Ein Teil dieses Fuhrparks wurde nach 1918 von Vertretern der neu gegründeten Republik übernommen, ein Teil musste an die Nachfolgestaaten abgegeben werden. Weiters kamen zahlreiche Fahrzeuge zum damals entstandenen „Bundes-Fuhrwerksbetrieb“ und wurden damit kommerziell genutzt. Der Rest wurde an Privatinteressenten versteigert, um die leeren Staatskassen zu füllen.

Nach den Kriegsjahren konnten die historischen Fahrzeuge des Wiener Hofes, die schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dem Publikum gegen Eintritt zugänglich waren, wieder besichtigt werden. Als aber im Jahr 1922 die ehemaligen Hofstallungen, wo sich die Wägen befanden, von der Messe-AG benötigt wurden, übergab man die historischen Fahrzeuge dem Kunsthistorischen Museum. Sie übersiedelten in die ehemalige Winterreitschule von Schloss Schönbrunn, wo sie auch heute noch untergebracht sind.

Die Livreen und Uniformen waren nach der Auflösung der Hofstaatsverwaltung funktionslos geworden. Das Kunsthistorische Museum hatte daher bereits 1921 angeregt, dass wenigstens ein Teil davon für museale Zwecke erhalten werden sollte. Da aber viele staatliche Stellen Anspruch erhoben hatten, wurde 1922 nur eine sehr kleine Auswahl der vorhandenen Bestände tatsächlich dem Museum anvertraut, während der überwiegende Teil an Ministerien und an die österreichischen Staatstheater abgegeben wurde.

Zunächst wurden die beiden neuen Sammlungen Wagenburg und Monturdepot der Waffensammlung (der heutigen Hofjagd- und Rüstkammer) angegliedert, wo sie jedoch ein Schattendasein führten. Das betraf besonders das Monturdepot, von dem sogar zahlreiche Stücke verkauft und an Filmproduktionsgesellschaften gegen Gebühr verliehen wurden. Zwangsabgaben an die Deutsche Wehrmacht, wie etwa die gesamte Wintergarderobe der Lakaien, dezimierten den Bestand noch weiter.

Die Situation änderte sich, als es dem damaligen Kustos Erwin Auer zwischen 1947 und 1950 gelang, die Wagenburg und das Monturdepot als vereinigte Sammlungen selbständig unter seine Direktion zu bringen. Er übernahm die gewaltige Aufgabe, die völlig ungeordneten Bestände erstmals zu inventarisieren, Grundbeschreibungen anzufertigen und Zeitzeugenberichte zu sammeln. Weiters galt es, die im Zweiten Weltkrieg entstandenen Schäden am Bestand der Wagenburg sukzessive zu beheben. So war beispielsweise der „Imperialwagen“ durch Bombenschäden fast zur Hälfte zertrümmert worden.

Von großer Weitsicht zeugt die damalige Erwerbungspolitik für das Monturdepot: Objekte der kaiserlichen Familie und der großen Adelshäuser konnten neben einer Vielzahl von Uniformen von Diplomaten, Beamten und Hofwürdenträgern zu – aus heutiger Sicht – unglaublich niedrigen Preisen angekauft werden.

In der Bewertung, Erforschung und Rezeption der Sammlungsbestände von Wagenburg und Monturdepot zeichnet sich seit den 1990er Jahren ein neuer Trend ab. Mittlerweile steht außer Frage, dass die Prunkkarossen der Herrscherhäuser künstlerisch bedeutsame Zeugnisse ihrer Epoche sind. Aber auch für die Technikgeschichte oder die Erforschung des höfischen Lebens und Zeremoniells sind die Bestände der beiden Sammlungen von größtem Interesse. Dem wird sammlungsintern durch intensive Grundlagenforschung Rechnung getragen. 2001 bis 2007 wurde erstmals der tausende Faszikel umfassende Archivbestand des Oberststallmeisteramtes gesichtet und digital erfasst. Damit wurde für die nächsten Jahrzehnte eine solide Basis zur weiteren Erforschung der Sammlungsbestände geschaffen.

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