Mariendarstellungen – eine leichtfüßige Online-Reise durch die Sammlungen

Die alle zwei Wochen um einen Text erweiterte Reihe folgt einem scheinbar neumodischen Muster: das jeweilige Werk wird aus der Ich-Perspektive Marias beschrieben.
Wir möchten sanft daran erinnern, dass die mitfühlende Identifikation mit der Protagonistin einst edler Zweck von Andachtsbildern war – lange bevor sie in die Museen des 19. Jahrhunderts Einzug hielten.

Herkules und Jesus

Jan Gossaert, gen. Mabuse, Maria mit Kind, um 1525/1527, KHM, Inv.-Nr. GG 942

Zum Leben erweckt, spüre ich die vorwärtsdrängende Kraft meines Sohnes und wehre mich nicht dagegen. Ich unterstütze ihn, auch wenn er sich gerade eben aus meinen Schoss befreit.

Die Oberfläche des Möbels zu meinen Füssen ist glatt, ebenso die steinerne Bank, auf der ich trotz des energiegeladenen Kindes in meinen Händen noch Haltung bewahre.

Noch ist er von rotem Stoff umfangen - doch wird er meine schützende Obhut zu euren Gunsten hinter sich lassen.

 

Uns umgibt ein ehernes Band:

GEN. 3 MULIERIS SEMEN IHS SERPENTIS CAPUT CONTRIVIT.

 

Dies ist am Rande der Nische zu lesen, die bis gerade eben die unsere war. Es ist eine Textstelle aus dem ersten Buch Moses, die ich euch wörtlich übersetze:

„Des Weibes Samen, Jesus, hat den Kopf der Schlange zertreten“

Was soll das bedeuten? Jesus ist mein Sohn und Jesus steht für alle gläubigen Christen. Die Schlange ist der Satan, ihn hat Jesus zu euer aller Wohl besiegt, indem er die Passion erleiden und am Kreuz sterben wird.

Sein irdisches Ende sah ich von Beginn an und nun versteht ihr meinen Anflug von Melancholie in Gedanken und Ausdruck. Ich fühle mit ihm, ich fühle seine Schmerzen.

Doch er wird den Teufel, der euch vom rechten Weg abzubringen droht, besiegen – so wie einst der kleine Herkules die Schlangen erwürgte, die Hera ihm in die Wiege schickte.  

 

 

geschrieben von Cäcilia Bischoff am 3.7.2017 in #Ich bin Maria
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